4. Methoden und Arbeitsweisen


Mobile Beratung leistet unabhängige gesellschaftspolitische Arbeit ohne parteipolitische und konfessionelle Bindung. Sie tritt aktiv für die Normen und Werte des Grundgesetzes und maßgeblicher völkerrechtlicher Verträge (Menschenrechte) ein. Sie bietet ihre externe Fachkompe-tenz im Rahmen professioneller Dienstleistungen an, unterstützt ergebnisoffene Prozesse kritischer Reflexion sowie die demokratische Auseinandersetzung mit widerstreitenden Positionen. Durch das Prinzip »Hilfe zur Selbsthilfe«
werden dabei die vorhandenen Ressourcen aktiviert und die Akquirierung neuer Ressourcen unterstützt. Wegen der komplexen Problemlagen und
den vielfältigen Konflikten im Zusammenhang mit Rechtsextre-mismus, Rassismus und Antisemitismus sind Mobilität und systemische Perspektive wichtige Merkmale der Arbeitsweise Mobiler Beratungsteams.

4.1 Die systemische Perspektive Mobiler Beratung

Mobile Beratung geht davon aus, dass Rechtsextremismus nicht nur das Problem einzelner Personen oder Gruppen, sondern ein Defizit der gesamten politischen Kultur eines Gemeinwesens oder einer Region ist.
So können z. B. unterentwickelte bzw. überlastete demokratische Austausch- und Aushandlungsstrukturen, fehlendes Problemverständnis
bei kom-munalen Akteuren durch Mangel an Informationen oder fehlende Sensibilisierung rechtsextreme Diskurse und Strukturen begünstigen. Die politische Kultur wird wiederum nicht von zufälligen Personenzusammen-
setzungen bestimmt, sondern ergibt sich aus einem bestimmten Netz von zwischenmenschlichen Beziehungen (sozialen Systemen) und deren Kommunikation. Wenn Mobile Beratung die Einzelaktivitäten der Akteure begleitet, fragt sie folgerichtig nach deren Bedeutung und Wirkung für das gesamte soziale Beziehungsgeflecht im Gemeinwesen. Das »Denken in Zusammenhängen« ist ein wesentliches Merkmal dieser Herangehensweise.
Die damit verbundene Perspektive der Mobilen Beratung rückt die dynamische Wechselwirkung zwischen den Eigenschaften und Problemen von Individuen einerseits und den sozialen Beziehungen, dem sozio-
kulturellen Umfeld der Individuen andererseits ins Zentrum des Interesses. Entsprechend wird ein Problem immer im Zusammenhang mit den Pro-
blemumfeldern betrachtet. Die nachhaltige Problembearbeitung setzt
daher auf die Einbeziehung eines breiten Netzes lokaler Akteure in den Beratungsprozess und konzentriert sich auf das Muster des Zusammen-
spiels der einzelnen Netzwerkteile. Dies schließt jedoch nicht aus, dass
sich die Beratung zunächst an bestimmte »Schlüsselakteure« oder »zivilgesellschaftliche Kerne« richtet und deren Themen und Inhalte in
den Mittelpunkt stellt. Denn nicht nur die Quantität, also das reine Vorhandensein von Kommunikation, ist bedeutend, sondern auch der qualitative Anspruch menschenrechtlicher Standards.

Effektive und nachhaltig wirksame Unterstützung kann nicht auf der
Basis von Patentrezepten gewährleistet werden, die einem Gemeinwesen »übergestülpt« werden. Es bedarf vielmehr der auf den Einzelfall maßgeschneiderten Kombination verschiedener Maßnahmenkomponenten, die gemeinsam mit den Beteiligten entwickelt und umgesetzt werden. Prozessbezogenheit ist die aus dieser Perspektive logische Heran-
gehensweise an das Arbeitsfeld Mobiler Beratung. Das Expertenwissen Mobiler Beratung (z. B. zu Rechtsextremismus) dient den Akteuren als Hintergrundinformation. Ansonsten sind die Akteure selbst »Experten in eigener Sache«. Die wesentliche Beratungsarbeit besteht entsprechend
aus der Organisation von themenzentrierter Kommunikation, der Gestal-
tung von Problembearbeitungsprozessen und weiteren bestimmten Sozialtechniken.

Mobile Beratung unterstützt eine an demokratischen Werten und den Menschenrechten orientierte Kultur des Gemeinwesens und berücksichtigt hierbei die Kompetenzen einzelner Akteure und Organisationen. Störungen, die eine Entfaltung vorhandener Kompetenzen verhindern, werden aufge-
spürt, Selbsthilfekompetenzen unterstützt und Veränderungspotenziale aktiviert. Die Beratung trägt dazu bei, Kommunikationsbarrieren abzubauen, Kompetenzen für die Problemlösung zu fokussieren und das Blickfeld in Richtung auf »Utopien und Unmöglichkeiten« zu erweitern. Manchmal – im Falle von zu viel Innovation oder zu rasantem Tempo von Veränderungen – haben Berater auch die Aufgabe, die Tradition, das Geleistete und das Gelun-gene sowie den gemeinsamen Erfolg als wichtiges Bindeglied einer gemeinsamen Identität in den Blick zu bringen.

Grundlage für die Beratungspraxis ist die Kooperation zwischen Rat-
suchenden und Beratern. Zentrales Arbeitsmittel ist nicht etwa die Vermittlung bestimmter Werte, sondern der (Werte)Dialog. Den Akteuren, Beratungsnehmenden und Kooperationspartnern gegenüber bemüht sich
die Mobile Beratung um eine Haltung des Respekts, der Unvorein-
genommenheit, des Interesses und der Wertschätzung bisheriger Handlungs- und Lebensstrategien.

4.2 »Mehr als nur beweglich«
       – Mobilität als Grundlage der Mobilen Beratung
          Mobile Beratung vor Ort


Eine Grundlage für die Praxis der sozialräumlichen und systemischen Beratungsarbeit der MBTs ist ihre Mobilität. Eine Beratung, die sozial-
räumliche Veränderung anregen will und an den Problemen und Ressourcen der Akteure ansetzt, muss an »Ort und Stelle« geschehen. Die Möglich-
keiten und Grenzen des Handelns lassen sich ermitteln, wenn nicht nur
das Potenzial des einzelnen Akteurs betrachtet wird, sondern sein Potenzial und seine Möglichkeiten ins Verhältnis zu den Rahmenbedingungen seines Umfeldes gestellt werden. So können sich beispielsweise herausragende Qualifikationen von Einzelpersonen verschleißen, wenn sie vor Ort keine Partner zur Umsetzung finden. Aus diesem Grund setzt MB auf eine alltagsnahe, aufsuchende und niedrigschwellige Arbeitsweise.


Mobile Beratung ist flexibel
Dies erfordert zugleich die grundsätzliche Flexibilität der Beratung. Zunächst muss sie schlicht in der Lage sein, vor Ort erscheinen zu können, was die Ausstattung der Projekte mit Pkws erfordert.

Neben dieser technischen Grundvoraussetzung stellt das Prinzip der Mobilität auch Ansprüche an die persönlichen Fähigkeiten des Beratungspersonals.
So ist es notwendig, eigene Qualifikationen auf örtliche Rahmenbedingungen angepasst einzusetzen bzw. mit örtlichen Problemen und Ressourcen umgehen und arbeiten zu können. Gleichzeitig sind Sozialkom-petenzen unabdingbar, etwa die Fähigkeit zur Beziehungsarbeit und die Anschlussfähigkeit an die örtlichen Diskurse durch das Verwenden der Sprache der Akteure.


Mobile Beratung ist extern
Mobile Beratung ist eine Beratung »von außen«. Insofern steht sie in dem Spannungsverhältnis, einerseits Vertrauens- und Beziehungsebenen zu den beratungsnehmenden Akteuren aufbauen zu müssen, ohne andererseits die notwendige professionelle Distanz zu den Akteuren und ihren Problemen zu verlieren. Dieses Spannungsverhältnis ist eine ständige Herausforderung für die Selbstreflexion Mobiler Beratungsteams, ermöglicht aber auch bestimmte Chancen der Veränderung.

Um den örtlichen Akteuren Möglichkeiten zur Selbstveränderung zu eröffnen, beschreibt MB aus einer externen Perspektive die Möglichkeiten und Grenzen von Veränderungspotenzialen in einer Kommune. Durch diese »Fremdbeschreibung« der Berater/innen erhalten die Akteure die Mög-
lichkeit, neue Sichtweisen in die Wahrnehmung ihres Sozialraumes und
ihrer eigenen Rolle darin aufzunehmen. Diese Form der »Fremd-
beschreibung« ist nur möglich, solange die Berater/innen von den
Akteuren unterscheidbar sind. Der Anspruch der erkennbaren Differenz zwischen Berater/innen und Akteuren ist eine Voraussetzung, um positive Irritationen auszulösen, die neue Handlungswege ermöglichen.

Themenorientierte Koalitionen zwischen Beratungs- und Akteurebene sind trotz der Differenzerhaltung möglich und gewollt. Die »gleiche Augenhöhe« beider Ebenen ist hierfür ein wichtiger Aspekt. D. h. Mobile Beratung ver-
sucht die Beratungsbeziehung so zu gestalten, dass sie durch Zusam-
menarbeit und nicht durch die Dominanz der Berater/innen gekennzeichnet ist.


4.3 Herangehens- und Arbeitsweisen

Zusammenfassend ist die Beratungsarbeit Mobiler Beratungsteams durch folgende Faktoren zu beschreiben:

Methodische Herangehensweisen

MB geht analytisch vor, recherchiert rechtsextreme Zusammenhänge
und Dominanzverhältnisse einerseits und die Ressourcen und Rahmen-
bedingungen

demokratischer Akteure andererseits.
MB verfolgt einen systemischen Ansatz, indem sie Problemlagen nicht isoliert, sondern immer unter Einbeziehung weiterer relevanter Zu-
sammenhänge und Akteure bearbeitet.

MB verwendet Methoden politischer Bildungsarbeit, stellt Methodensets
zur
Verfügung, die Beratungsnehmer zur Bestimmung von Inhalten und
Konzepten befähigen.

Spezifische Arbeitsweisen

Beratung vor Ort: mobil und aufsuchend

Ressourcen-orientierte Beratung (institutionelle Zuständigkeiten, Kooperationsbeziehungen und reale Entwicklungsspielräume als Ausgangspunkt)

Vergleichende Perspektive als anreizorientierter Ansatz (Übertragbarkeitsprüfungen, Handlungsfelder und kommunale
Grenzen übergreifende Erfahrungs- und Austauschforen) Beratung
als Prozessbegleitung mit der Orientierung auf Nachhaltigkeit

Transparenz und Offenheit als Voraussetzung

Beratung als Teamarbeit

Systematische Reflektion des Prozessverlaufs