Was
ist Antisemitismus?
Der Begriff Antisemitismus bezeichnet die Gesamtheit
judenfeindlicher Äußerungen, Vorurteile, Meinungen und Handlungen.
Juden und Jüdinnen werden kollektiv negative Eigenschaften, Absichten und
Haltungen zugeordnet, die mit realer jüdischer Existenz nichts, wenig oder
nur Missverstandenes zu tun haben. Diese Zuschreibungen sind absurd, irrational
und resistent gegenüber aufklärerischen Argumenten. Judenfeindschaft
hat nichts mit dem Verhalten von Jüdinnen und Juden zu tun. Vielmehr dienen
sie als Projektionsfläche für Probleme, Ängste und Sorgen der nicht-jüdischen
Mehrheit. Antisemitismus ist deshalb zuerst ein Symptom für Probleme in der
Mehrheitsgesellschaft. Und ebenso ist es vor allem Sache der Mehrheitsgesellschaft,
sich gegen Antisemitismus zu engagieren. Sieht man sich
antisemitische Bilder und Mythen genau an, fällt auf, dass sie Spiegelungen
einer antisemitischen Geschichte sind: Ein- und dieselben Bilder tauchen immer
wieder von neuem auf. Moderne antisemitische Feindbilder bedienen sich bei alten
antijüdischen Bildern und Stereotypen und verleihen ihnen neue Aktualität.
Die christliche Kirche schrieb "den Juden" die Schuld an der Ermordung
Jesu zu. Im Christentum galt diese Kollektivschuld nicht nur für die zur
Zeit der Kreuzigung lebenden Juden, sondern auch für alle Nachkommen. Weite
Teile der Bevölkerung sahen in "den Juden" das "Böse"
schlechthin, schrieben ihnen dämonische Fähigkeiten zu und sahen in
ihnen Planer und Träger von Leid und Katastrophen. Diese Sicht verband sich
ab dem 12. Jahrhundert mit weiteren antijüdischen Mythen wie der des "Ritualmordes",
des "Brunnenvergiftens" und des "Wucherers" und ging als Bestandteil
in den kulturellen Hintergrund der deutschen Gesellschaft ein. Der
heutige, moderne Antisemitismus entsteht vor allem aus einem Reflex der Abwehr
der Erinnerung an die schuldhafte deutsche Vergangenheit. Also nicht Judenhass
trotz der Shoa, sondern Antisemitismus wegen des Judenmords. Oder wie es der israelische
Psychoanalytiker Zvi Rex sarkastisch formuliert hat: "Die Deutschen werden
den Juden Auschwitz nie verzeihen." Kritik an
der Politik Israels - eine an sich genommen legitime Sache, wie die Kritik an
der Politik jedes anderen Staates - wird für viele zum Ventil, um (sanktionsfrei)
antijüdische Emotionen zu artikulieren. Israelkritik ist dann als antisemitisch
zu bezeichnen, wenn dem Staat Israel sein Existenz- und Selbstverteidigungsrecht
aberkannt wird, wenn die israelische Besatzungspolitik mit der NS-Judenverfolgung
verglichen wird, wenn antisemitische Stereotype auf den Staat Israel übertragen
werden und dieser zum "kollektiven Juden" gemacht wird - oder umgekehrt,
wenn sich alle Juden für die Politik Israels verantworten sollen. Antisemitismus
in Thüringen In Thüringen wurden allein
2004 fünf jüdische Friedhöfe geschändet. In Sondershausen,
Gotha, Walldorf, Schwarza und Erfurt wurden eine Vielzahl von Grabsteinen umgeworfen
und zum Teil bewusst zerschlagen. Auf dem Gelände der KZ Gedenkstätte
Mittelbau-Dora wurde im August 2004 eine Tafel mit antisemitischen Sprüchen
besprüht und Transparente mit antisemitischen Aussagen aufgehangen. Im Januar
2005 wurden eine Reihe von Gebäuden in Arnstadt und im Mai 2005 in Nordhausen
mit judenfeindlichen Inhalten beschmiert. Viele LehrerInnen
und in der Jugendarbeit Tätigen berichteten uns, dass Schimpfwörter
wie "Du Jude" oder "Du Judensau" unter Jugendlichen besonders
attraktiv sind. Diese Schimpfwörter werden als Herabwürdigung anderer
benutzt. Das Erschreckende ist, dass es neben rechtsextremen Jugendlichen vor
allem auch sich als unpolitisch verstehende Jugendliche sind, die die Ausdrücke
benutzen. Der "Thüringen
Monitor" ist eine jährliche Untersuchung zu den Einstellungen der
Menschen in Thüringen zur Demokratie. Die Forscher der Uni Jena fragten in
den letzten fünf Jahren auch nach der Zustimmung zu einer antisemitischen
Aussage: - 13% stimmen zu, dass die Juden etwas Besonderes und Eigentümliches
an sich haben und nicht so recht zu uns passen (Durchschnittswert 2001-2005). MOBIT
versucht in Kooperation mit unterschiedlichen Partnern in Thüringen durch
Projekte und Veranstaltungen langfristig zur Sensibilisierung beizutragen und
Handlungsmöglichkeiten gegen Antisemitismus zu entwickeln. Als konkretes
Angebot für Initiativen, Bündnisse, Vereine, Schulen etc. in Thüringen
verleihen wir die Ausstellung "Eine alltägliche Bedrohung - aktueller
Antisemitismus in Deutschland und Europa" der Amadeu Antonio Stiftung. Im
Jahr 2005 führte MOBIT mit verschiedenen Kooperationspartnern das Projekt
"Gemeinsam gegen Antisemitismus in Thüringen" durch. Eine Dokumentation
des Projektes finden Sie hier. Ein weiterer Artikel
zum Thema Antisemitismus findet sich in der MOBIT-Broschüre "Mein
Kind ist doch kein Nazi!?". |