taz vom 06.07.2010
"Die
NPD stößt in ein Vakuum"
Volksnahe Themen, unauffällige Titel: Rechtsextreme gehen immer häufiger
unter die Zeitungsverleger, vor allem im Osten. Die Strippen ziehen meistens
NPD-Funktionäre.
VON ANDREAS SPEIT
Die Namen klingen
unscheinbar: Eichsfelder Stimme, Ostthüringer Bote, Nordthüringer
Bote, Südthüringer Stimme oder einfach Bürgerstimme. Doch diese
ostdeutschen Regionaltitel sind keine normalen Zeitungen. Es sind keine einfachen
Bürger aus den Regionen, die diese Blätter herausgeben. Finanziert
und organisiert werden sie von der NPD.
In Thüringen hat die rechtsextreme Partei eine Medienkampagne gestartet.
"Mit den Zeitungen ist die NPD im Bundesland flächendeckend präsent",
betont Stefan Heerdegen von der Mobilen Beratung in Thüringen (Mobit),
die sich gegen Rechtsextremismus engagiert. Lediglich "kleine Flecken"
in der Medienlandschaft würden vom Landesverband um Frank Schwerdt nicht
abgedeckt.
Auf den meisten der sieben Regionalzeitungen der NPD sind auf der ersten Seite
Artikel zu lokalen Themen: "Ist Erfurt pleite?", "Kunsthaus Gera
Größtenwahn vs. Zukunft" oder "Die Narrenfreiheit der Lift
gGmbH". Nicht ohne Grund: Seit Jahren betont der NPD-Bundesvorsitzende
Udo Voigt: "Bürgernähe zeigen, vor Ort siegen - Auf kommunaler
Ebene kann die Ausgrenzung unterlaufen werden".
Mit den Zeitungen, so erklärt auch der NPD-Funktionär Patrick Wieschke
aus Eisenach ganz offen, soll die "Graswurzelarbeit" intensiviert
werden. Über 160.000 Exemplare will seine Partei unlängst an die Leser
gebracht haben, auch um eine "echte Gegenöffentlichkeit zur gleichgeschalteten
Medienlandschaft" zu schaffen.
"Wir hörten von Verteilungen in verschiedenen Gemeinden und Städten",
sagt Heerdegen. Gern schicke sie aber auch jede "Ausgabe frei ins Haus",
lässt die rechtsextreme Partei wissen. Heerdegen befürchtet: "Die
NPD stößt hier in ein Vakuum". Denn im ländlichen Raum
würde die lokale Berichterstattung stetig sinken, glaubt er.
Medienexperten bestätigen diesen Eindruck. "In den vergangenen Jahren
konnten wir beobachten, dass die Auflagen der regionalen und lokalen Kaufzeitungen
in ländlichen Regionen zwischen 2 bis 3 Prozent sinken" erklärt
Christian Eggert, Fachreferent für Verlagswirtschaft beim "Bund Deutscher
Zeitungsverleger" (BDZV). Auf zehn Jahre gesehen, sind das zum Teil mehr
als 20 Prozent.
Der Trend läuft schon länger und hält an. "Im Osten sinken
die Auflagen von Tageszeitungen schneller", sagt Eggert. Oft würde
es heißen: "Wir können uns das nicht mehr leisten". Mit
einer Abokündigung verlören die Zeitungen aber nicht bloß einen
Lesehaushalt sondern gleich zwei Haushalte. "Die Zeitung wird sich meist
mit den Nachbar geteilt", sagt Eggert. Er ist deshalb überzeugt: "Hier
könnten Zeitungen, die sich nicht als überparteilich und unparteiisch
verstehen, in eine Lücke stoßen"
Die Chance der NPD liegt in einem Dilemma der Medien. "Untersuchungen zeigen,
dass ein großes Informationsbedürfnis zu lokalen Geschehnissen besteht"
erklärt Eggert. Er betont jedoch auch auch: "Der wirtschaftliche Druck
erschwert Redaktionen die Lokalredaktionen zu halten". Nicht zu vergessen
sei, dass Redaktionen oft nicht mehr das Geschehen vor Ort moderierten. "Sie
berichten nicht über die lokalen Entwicklungen wie dem Bau einer Gülleanlage",
erinnert er. "Und sie bieten auch keine Veranstaltungen an, auf den Politiker
mit der Gemeinde für und wieder eines Baues diskutieren könnten".
Auf dem NPD-Landesparteitag 2009 hatte Funktionär Wieschke, der auch einer
der Geschäftsführer der NPD-Monatszeitung Deutsche Stimme ist, die
Idee das Regionalzeitungsprojekt vorgestellt. Neu ist sie nicht: In Thüringen
gab die rechtsextreme Partei schon unregelmäßig den Rennsteig Bote
und den Wartburgkreisboten heraus. In Mecklenburg-Vorpommern erstellte die "Initiative
für Volksaufklärung", getragen von NPD- und Kameradschaftskader,
2001 die Wurfsendung Der Inselbote.
Längst geben werden fünf weitere Regionalzeitungen kostenlos herausgegeben.
"Die Zeitungen haben eine enorme Bedeutung", betont Günther Hoffmann,
Rechtsextremismusexperte aus Mecklenburg-Vorpommern. Mit einer geschätzten
Auflage des Inselboten von 30.000 bis 58.000 Exemplaren wird ein großer
Teil der Bevölkerung in Vorpommern erreicht. Der Ton ist immer bewusst
volksnah gehalten. "Angstbesetzte Themen wie Sozialbau und 'Überfremdung'
werden verstärkt mit kommunalen Diskursen wie Deichunterhaltung und Privatisierung
instrumentalisiert", betont Hoffmann.
Das Konzept spiegelt sich nun in den thüringischen Regionalzeitungen wieder.
Seite 1 und 4 greifen lokale Themen auf; Seite 2 und 3 sind identisch. Im Wartburgkreis
Bote wird sich so für Kleingärtner stark gemacht und sogleich vor
"Überfremdung" gewarnt. In der Region sitzt Wieschke auch im
Stadtrat von Eisenach. Mit den Zeitungen, die auch Online zu lesen sind, will
Wieschke auch dafür sorgen, dass "kommunalpolitischen Initiativen
der Mandatsträger der NPD" breiter bekannt werden. In subtiler Meinungsmache
üben sich die Rechtsextremen dabei nicht. In Untertiteln wird oft das Adjektiv
"patriotisch" verwendet, in den Beiträgen vertritt die Partei
ihre Positionen ganz offen.
"Ich befürchte, dass die Botschaften ihre Leser finden", sagt
daher Mobit-Mitarbeiter Heerdegen. Immerhin sei die NPD knapp mit 4,7 Prozent
der Stimmen nur knapp am Einzug in dem Landtag gescheitert. Mit Blick auf die
allgemeine Medienentwicklung glaubt auch BDZV-Referent Eggert, dass der politische
Meinungsbildungsprozess gefährdet sei. In manchen Regionen könnten
irgendwie nur noch 'nationale Zeitungen' lokale Themen aufgreifen: "Mit
Meinungsvielfalt hat das nichts mehr gemein."