Thüringer Allgemeine vom 02.07.2010

Rechtsextreme Aussteiger nutzen Angebot

Vor knapp einem Jahr startete in Thüringen ein Beratungsprogramm für ausstiegswillige Mitglieder der rechtsextremen Szene und ihre Eltern. Derzeit betreuen Sozialarbeiter und Psychologen 16 Eltern und 13 Jugendliche, die sich aus der rechten Szene lösen wollen oder Hilfe gesucht haben.
Jena. Nach jahrelangem Ringen war es im Vorjahr in Thüringen gelungen, ein Programm für Aussteiger aus der rechtsextremen Szene zu starten. Der Jenaer Verein "Drudel 11" übernahm die Verantwortung dafür, und erstmals konnten sich auch im Freistaat Eltern und Jugendliche Hilfe und Beratung außerhalb staatlicher Strukturen holen. Das Programm ist vorerst für drei Jahre angelegt.

Auch der Verfassungsschutz betreibt bereits seit Jahren eine Telefonnummer, unter der sich Rechtsextreme melden können, wenn sie die Szene verlassen möchten. Ob Aussteiger erfolgreich betreut wurden, dazu machte der Nachrichtendienst bisher jedoch keine Angaben.

Drudel 11 dagegen blickt aus eigener Sicht auf einen erfolgreichen Start. "Derzeit betreuen wir 13 Jugendliche und junge Erwachsene, die aus der rechtsextremen Szene aussteigen wollen, sowie 16 Eltern", sagt Projektleiter Sebastian Jende unserer Zeitung. Er sei selbst überrascht, dass sich auch so viele Eltern gemeldet hätten, erklärt der Sozialpädagoge.

Im ersten Jahr des Bestehens seien vor allem Netzwerke ausgebaut worden. "Uns war wichtig, dass die Polizei, aber auch Arbeitsagenturen, Jugendämter und Vereine von der Existenz des Aussteigerprogramms und der Möglichkeit der Betreuung für Eltern wissen", beschreibt er die Strategie. Und diese trägt erste Früchte. Bereits jetzt sei es so, dass Eltern aber auch junge Rechtsextreme von diesen Netzwerkpartner an Drudel 11 vermittelt wurden.

Wir arbeiten "niederschwellig", sagt Jende: "Wenn sich jemand mit einem Problem an uns wendet, dann kommen wir zu ihm. Die Gespräche verlaufen immer vertraulich." Diese Strategie sei wichtig, da vor allem die jungen Leute, die der Szene den Rücken kehren wollen, oft kein Geld, manchmal sogar Schulden haben. Jende betont, dass die Beratung sowohl für die Eltern aber auch für die jungen Leute kostenlos ist.

Dass der Verein Drudel 11 das Programm umsetzt, ist nicht unumstritten. Kritiker meinen, das Beratungskonzept setze sich zu wenig mit den rechtsextremen Ansichten der Aussteiger auseinander. Dem widerspricht der Projektleiter. Rechtsextreme Ideologien würden Gewalt und die Ungleichbehandlung von Menschen rechtfertigen. Sich damit auseinanderzusetzen sei wesentlicher Bestandteil des Beratungs- und Ausstiegsprozesses, sagt Sebastian Jende. "Nur wer lernt, ohne ständigen Hass und menschenverachtende Vorurteile zu leben, wird auf Dauer den Ausstieg auch erreichen."

"Uns ist wichtig, dass die Jugendlichen sich in den Gesprächen Ziele setzen, die eigenen Möglichkeiten erkennen und gewaltfreie Konfliktlösungs-strategien erarbeiten. Um sich aus der Szene zu lösen, müssen alternative Erlebniswelten geschaffen werden", so Jende. "Einem Rechtsrocker die Musik zu verbieten, ist kontraproduktiv", fügt er an. Sinnvoller sei es, für ihn alternative Musikprojekte zu finden.

Im Gegensatz zu Aussteigerprogrammen, die bei der Polizei angesiedelt sind, wie in Hessen oder Sachsen-Anhalt, arbeiten die Thüringer nicht mit strengen Auflagen und Kontrollen. Sie erscheinen aber auch nicht vor Gericht, um ihre Schützlingen den Ausstiegswillen zu bescheinigen.

Wie viele der Betreuten den Absprung wirklich schaffen, lässt sich noch nicht sagen. Die Thüringer Zahlen klingen hoffnungsvoll. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmanns (SPD) musste dieser Tage einräumen, dass ein bei der dortigen Polizei angesiedeltes Programm seit 2005 lediglich ein halbes Dutzend Jugendliche zum Ausstieg aus der rechtsextremen Szene bewegen konnte. Hilfe bietet der Verein an unter: 03641/299074.