jungle world vom 01.07.2010
Runter von der Spielwiese
In Gera findet
jährlich das Festival "Rock für Deutschland" statt. In der
Vergangenheit hat es sich zu einem Großereignis der Neonaziszene entwickelt,
nun plant ein breites Bündnis die Blockade des Events.
von Till Grefe
Am 10. Juli veranstaltet
die NPD zum achten Mal in der ostthüringischen Stadt Gera das Festival
"Rock für Deutschland". Im vergangenen Jahr reisten dafür
tausende Neonazis aus ganz Europa an. Gemeinsam mit Gewerkschaften, Jugendverbänden
und Parteien mobilisieren Antifagruppen gegen das Rechtsrockfestival, das auf
der sogenannten Spielwiese stattfinden wird. Anfang Juni trafen sich die Aktivisten
des Bündnisses "Dresden nazifrei" zu einer Bilanz- und Strategiekonferenz,
bei der auch über eine mögliche Blockade des anstehenden Nazievents
beraten wurde.
Nicht bei allen Teilnehmern fiel die Bilanz dieser Tagung positiv aus. So bemängelte
ein Besucher, dass die emanzipatorische Linke in vielen Bündnissen gegen
Rechts derzeit nur die Funktion eines Dienstleisters innehabe und sich dem inhaltlichen
Minimalkonsens der bürgerlichen Akteure unterordne. Auch die Antifaschistische
Aktion Gera (AAG) kritisiert in ihrem Blockadeaufruf den desolaten Zustand der
regionalen autonomen Antifapolitik. In den Jahren 2003 und 2004 konnte man bei
der Mobilisierung gegen das Festival noch regionale Erfolge verzeichnen, mit
der zunehmenden Etablierung des Nazifestivals habe die Solidarität jedoch
nachgelassen. Im vergangenen Jahr seien "selbst wenige Kilometer Anreise
den meisten Gruppen aus der näheren Umgebung, wie Jena oder Leipzig, zu
weit" gewesen. Darüber hinaus skandalisiert die AAG jedoch auch die
verbalen Angriffe gegen linken antifaschistischen Protest. So kommentierte der
Kommunalpolitiker Dirk Plette vom Wählerbündnis "Arbeit für
Gera" im vergangenen Jahr die Mobilisierung gegen "Rock für Deutschland"
und warnte, man müsse aufpassen, dass sich nicht wieder solches "Viehzeugs"
und "Gesocks" beteilige. Auf Nachfrage der Ostthüringer Zeitung
bestätigte er, dass er damit den "linksextremen schwarzen Block"
gemeint habe. Auch regionale SPD-Politiker hatten erklärt, es sei "
kein Geheimnis, dass Nazikundgebungen und Aufmärsche in gleicher Weise
von linksextremen Demonstrationstouristen genutzt werden, um Intoleranz und
Menschenverachtung mit gleicher Münze zu beantworten".
Trotz der Kritik an solchen Positionen setzt man derzeit auf ein breites Bündnis
gegen das Nazifestival. "Seit Dresden 2010 ticken die Uhren ein wenig anders,
die Entsolidarisierung vom letzten Jahr wurde überwunden", sagt ein
Mitglied der AAG im Gespräch mit der Jungle World. Dass die Vertreter von
Gewerkschaften und Kirchen, aber auch Mitglieder von SPD und Grünen in
der Blockade eine Möglichkeit sehen, das Nazifestival zu stören, erscheint
ihm nach den erfolglosen Mobilisierungsversuchen der vergangenen Jahre als ein
Fortschritt. Die AAG mobilisiert gemeinsam mit dem Bürgerbündnis gegen
"Rock für Deutschland" und plant darüber hinaus eine Demonstration,
die vor dem Festival stattfinden wird. "Für die Demo am Vorabend gibt
es mehrere Gründe, sie soll einerseits der Mobilisierung dienen, zum anderen
wollen wir die Zustände in Gera, den alltäglichen Nicht-Umgang mit
Nazis thematisieren. Nazis immer dann zu blockieren, wenn sie irgendwo aufmarschieren,
reicht nicht aus", sagt Katharina König, Landtagsabgeordnete der Linkspartei,
die die Demonstration angemeldet hat. Den Schwerpunkt allein auf das Blockieren
von Nazi-Events zu legen, lehnt König ab. Im Gespräch mit der Jungle
World kritisiert sie, dass eine Beschäftigung mit Nazistrukturen und der
alltäglichen Gewalt, die von Neonazis ausgeht, nur noch selten stattfinde,
stattdessen werde die Auseinandersetzung zunehmend auf Großereignisse
verlagert. "Mit der Blockade von Naziaufmärschen schafft man keine
Veränderungen im Alltag von Flüchtlingen, alternativen Jugendlichen
und anderen, die von Nazis bedroht werden."
Die Polizei habe angekündigt, am 10. Juli hart gegen jegliche Blockadeversuche
vorzugehen, bestätigt König. Auch Vertreter der AAG berichten, dass
Thomas Quittenbaum, stellvertretender Leiter der Polizeidirektion Gera, und
Polizeioberrat Michael Zimmermann in den Kooperationsgesprächen eine "Armada"
von Polizeikräften angekündigt hätten. In diesem Jahr rechnet
man mit bis zu 3.000 Nazis, die die Veranstaltung besuchen werden, im vergangenen
Jahr waren etwa 5.000 Nazis nach Gera gereist.
Publikumsmagnet beim letzten "Rock für Deutschland" war ein Auftritt
von "Die Lunikoff Verschwörung". Sie gilt als inoffizielle Nachfolgeband
der als kriminelle Vereinigung verbotenen Gruppe "Landser", ihr Frontmann
ist deren früherer Sänger Michael "Lunikoff" Regener. "Unzählige
Nazis im Publikum zeigten während des Konzerts den Hitlergruß, und
nichts passierte. Die 600 Polizeibeamten waren an diesem Tag völlig überfordert",
beschreibt ein Mitglied der AAG das Nazifestival im Vorjahr. Begleitet wurde
die Veranstaltung von Ansprachen des NPD-Landesvorsitzenden Frank Schwerdt und
des Parteivorsitzenden Udo Voigt. "Ich bin stolz ein Nazi zu sein",
bekannte Peter Nürnberger, im vergangenen Jahr NPD-Spitzenkandidat der
thüringischen Kommunalwahlen, bei seinem Auftritt auf der Bühne. Während
seiner Rede griff er die 700 Gegendemonstranten an, die gegen das Open-Air-Festival
protestierten.
Das Nachrichtenmagazin "Report München" wurde auf das Nazispektakel
und die äußerst bescheidenen Ausmaße des Protestes dagegen
aufmerksam und wertete dies als Indiz dafür, dass sich in vielen deutschen
Städten eine Enttabuisierung der Neonaziszene vollziehe. Im Gespräch
mit den Reportern zeigte sich Norbert Vornehm (SPD), Bürgermeister der
Stadt Gera, hilflos. "Ich bin der Meinung, dass die NPD eine verfassungsfeindliche
Partei ist und deshalb verboten gehört." Aber die Diskussion, verteidigte
Vornehm sich und seine Stadt Gera, "können wir nicht führen anhand
einer einzelnen Veranstaltung in irgendeiner Stadt, sondern da müssen wir
uns einer ganz grundsätzlichen Auseinandersetzung stellen."
Die AAG geht jedoch davon aus, dass die Initiative für das Nazi-Event "Rock
für Deutschland" in Gera nicht ausschließlich auf die NPD der
Bundes- oder Landesebene zurückzuführen sei. Den Rahmen des Fesitivals
stellt die regionale Nazimusikszene, die mit Proberäumen, Plattenlabels
und Treffpunkten fest in Gera verankert ist. "In Gera ist es kaum möglich,
alternative Lebensentwürfe zu probieren", beschreibt Katharina König
die Situation in der Stadt. "Genau dies ist meines Erachtens einer der
Gründe, warum Gera für Nazis so interessant ist."