Blick nach Rechts vom 21.06.2010
Sonnenwende im Hufhaus
Es ist seit Jahren ein bekanntest Muster. Rechte nutzen germanische Rituale für ihre braune Propaganda. Am Freitag war es wieder soweit. Im Südharz trafen sich die Neonazis zur Sonnenwendfeier.
Der Polizeibus ruckelt langsam über die kilometerlange Schotterpiste bis zum abgelegenen Gasthof Hufhaus bei Ilfeld (Thüringen). Gelegen zwischen den dicht bewaldeten Hügeln von Moorskopf und Habichtsberg, nur über eine Straße zu erreichen, bietet das Ausflugslokal mit großen Zeltplätzen, Blockhäusern und weitläufigem Gelände seit Jahren den idealen Unterschlupf für die konspirativen Treffen der rassistischen Artgemeinschaft Germanische Glaubensgemeinschaft.
Die Beamten fahren einmal die Parkplätze ab, schauen sich die Wachmänner mit Scheitel und die vielen Frauen und Mädchen in Dirndl oder mit langen Röcken an, stoppen aber nicht. Sie fahren dann an den endlosen Zeltreihen hinter dem Jägerzaun entlang und verschwinden wieder.
Diese Kontrollfahrten würden unregelmäßig stattfinden, räumt ein Polizist ein. Ist die Artgemeinschaft verboten? hatte bereits der Sprecher der Polizeidirektion in Nordhausen gefragt und sich die Antwort selbst gegeben: Nein, sind sie nicht. Wir sind per Gesetz zur Loyalität verpflichtet. Wir sind nicht direkt vor Ort. Bei der größten Sonnenwendfeier der Szene bleiben die Neonazis unter sich. Die Beamten einer Streife räumten lediglich ein, wenn Journalisten da oben angegriffen würden, dann wären sie allerdings sofort zur Stelle.
Die Defensive regiert
Den braunen Treiben auf Privatgeländen werden nur selten die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit präventiv aufgezeigt. Sonnenwendfeiern der Neonazis haben immer auch einen politischen Charakter. Zivilgesellschaftlicher Protest ist jedoch nicht zu hören im Raum Nordthüringen. Kein Jugendamt kontrolliert den Jugendschutz, auch nach den Erfahrungen mit den soldatischen Erziehern der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend, von denen manche Unterschlupf bei den Heiden fanden. Es heißt, verdeckte Ermittler beobachten die Aktivitäten. Die bundesweite Behördenstrategie ist weit davon entfernt, den Neonazis mögliche NS-nahe Rituale zu verbieten. Auch in Thüringen regiert die Defensive.
Dabei ist das Lokal am Hufhaus öffentlich zugänglich. Die Gegend bietet zahlreiche Wanderrouten. Auch warnt der Verfassungsschutz in Thüringen 2009 offiziell vor der Artgemeinschaft als ein Glaubensbund, der sich für die Wahrung, Einigung und Mehrung der germanischen Art einsetzt und dem besseren Führer Gefolgschaft leisten wolle. Bis zu seinem Tod im Herbst 2009 leitete der Hamburger Neonazi Jürgen Rieger die öffentlichkeitsscheue Organisation. Nach seinem Tod geht es weiter.
Das Innenministerium in Erfurt weiß von Zusammenkünften, die als geschlossene Veranstaltungen im Hufhaus abgehalten würden und Volksfesten oder geselligen Familienveranstaltungen gleich kämen. Unter Vorgabe germanischer Brauchtumspflege, heißt es im Verfassungsschutzbericht weiter, wird eine Lagerfeuerromantik inszeniert, die das Interesse insbesondere junger Teilnehmer an dem eindeutig rechtsextremistischen Regelwerk der Glaubensgemeinschaft wecken soll.
Löffelkaramell und germanischer Sechskampf
Kinder und Jugendliche in uriger Kleidung waren ab Freitag reichlich im Hufhaus anwesend. Einige von ihnen machten Löffelkaramell oder liefen zwischen den Zelten herum, während Männer im Wald Holz sammelten und einen Feuerstoß auf der Festwiese errichteten. Auf dem Programm stand auch wie im letzten Jahr ein germanischer Sechskampf. Am Samstagabend wird das rituelle Feuer entzündet. Beim letzten Mal noch hatte Jürgen Rieger die heidnische Zeremonie mit drei Hörnern süßem Met eröffnet. In diesem Jahr trifft sich die Kerntruppe der Artgemeinschaft im ersten Stock des Haupthauses zur Tagung.
Nach dem Tod ihres langjährigen Anführers herrschte zunächst Aufregung. Drei Abgesandte reisten sofort zu den älteren Kindern Riegers, man konnte sich jedoch nicht auf eine gemeinsame Linie für die Trauerfeier einigen. Die Ario-Germanen zu denen auch der NPD-Liedermacher Frank Rennicke, Marc Müller, ehemaliger Anhänger der Wiking-Jugend und neuer Anführer der Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung oder der ehemalige Mitarbeiter der NPD-Fraktion im Schweriner Landtag, Reinhard Hufnagel aus Worms, zählt, setzten eine eigene Feier für den 5. Dezember an.
Im Januar traf die Gefährtschaft erneut zusammen um einen neuen Vorstand zu wählen. Axel Schunk aus Stockstadt übernahm, gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Frithjof Arndt aus Radebeul. Schunk hat bereits Erfahrungen in der Wiking-Jugend gesammelt, lebt unauffällig in einer schmucken Wohnsiedlung in Nordfranken.
Religionsgemeinschaft und Siedlungswerk
Unter Schunks Führung will die Heidentruppe offiziell als Religionsgemeinschaft anerkennt werden. Auch möchte sich die Artgemeinschaft vergrößern. Sie betreibt ein Siedlungswerk. Marc und Petra Müller haben sich bereits mit ihrer Kinderschar und einigen Anhängern in der Region um Güstrow niedergelassen. Von Hauptinteresse für die Rieger-Vereine war jedoch die Rechtsnachfolge der Tietjen-Stiftung. Denn der britischen Firma gehören die Großimmobilien in Pößneck und Dörverden. Der Hamburger Rechtsanwalt Rieger war als Verwalter des Vermögens eingesetzt. Erbin des Bremer Lehrers Tietjen soll der Anthropologie-Verein sein, dessen Mitglieder aber überwiegend aus hochbetagten Akademikern bestehen, die froh schienen, die Aufgabe an den jüngeren Müller zu übergeben.
Inzwischen hat sich einiges geregelt, die Artgemeinschaft schaut wieder in die Zukunft. Rieger-Intimus Thomas Wulf hat die Leitung der Tietjen-Stiftung übernommen und mit Marc Müller sitzt ein Gefährte direkt am möglichen Geldhahn der Akademiker-Vereinigung Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung. Artgemeinschafts-Anführer Schunk hat im April gemeinsam mit Wulff das geräumige Schloss Trebnitz bei Halle erworben, verwaltet wird es vom Freien Nationalisten Jens Bauer. Gardinen hängen bereits vor den Fenstern und es wurde frisch tapeziert. Nebenher betreibt Bauer, der sich selbst Nationalsozialist nennt, die Stickerei Artam die germanische Textilveredelung. Eigene Wirtschaftsnetzwerke entstehen.
Neuerweckung von Brauchtum als Tarnung
Doch das uneinsichtige Gelände des Hufhauses scheint für die Sonnenwende besser geeignet als das neue Schloss. Über 70 Fahrzeuge, darunter Militär-Jeeps und zahlreiche Kleinbusse, haben sich auf den Parkplätzen verteilt. Sie kommen aus Ribnitz-Damgarten, Hamburg, Ostholstein, Schaumburg-Lippe, Calw, München, Homburg, Frankfurt, Meißen, Heidelberg bis Gießen, aus dem gesamten Bundesgebiet, auch aus Österreich sind welche angereist. Auch der Wagen des polizeibekannten Neonazis Lutz Giesen ist vor Ort. Jens Bauer bewacht mit einem Kameraden die Auffahrt. Andere patrouillieren in Kniebundhosen und Alpenjacken an anderen Kontrollpunkten.
Die Polizei hatte im Vorfeld nur von 50 bis 60 Leuten gesprochen, angereist sind aber über 250. Laut Insiderangaben sollen es 2009 sogar 300 Teilnehmer gewesen sein. Dennoch wollen die zuständigen Polizeibehörden die Sonnenwende nicht beackern, wie sie es nennen. Sie beschränken sich auf die unregelmäßige Bestreifung. Entsprechend ihrer Strategie eine nationale Gegenkultur zu schaffen, basteln völkische Neonazis an der Stärkung der eigenen Identität durch die Neuerweckung von Brauchtum mit Ritualen. Gemäß dem Lebensbundprinzip werden bereits Kleinkinder, aber auch alte Leute eingebunden. Ob in Ilfeld, Eschede oder Toppenstedt in Punkto ungestörter Sonnwende scheint die Strategie der Tarnung als harmlose, private Brauchtumsfeier aufzugehen.