Frankfurter Rundschau vom 28.05.2010

Urtyp, dunkel - Burschenschafter in Eisenach
Von Jörg Schindler

Der Weg in die Vergangenheit führt steil nach oben, vorbei an Gründerzeitvillen und durch ein Waldstück hoch zur Göpelskuppe, wo drei schwarz-rot-goldene Fahnen im lauen Frühlingswind baumeln. Die Luft ist rein, der Blick hinüber zur Wartburg ungetrübt. Es ist ein halbwegs warmer Tag in Eisenach, weswegen auf der Terrasse des aschgrauen Berghotels auch einiges los ist. Dort sitzen lauter Männer mit merkwürdigen Mützen in Bonbonfarben. Die Narbendichte in den Gesichtern ist hoch. Aus einer Schnittwunde an einer Stirn staksen noch die OP-Fäden.

Man liest die Junge Freiheit, die an der Rezeption stapelweise ausliegt. Man trinkt "Burschenbier", Urtyp, dunkel. Ab und an treten alte oder sehr alte Herren nach draußen und telefonieren aufgeregt. Dann zerschneiden Wortsalven die Ruhe auf der Göpelskuppe. Von "Antisemitismus" spricht einer, von "Rassenwahn", davon, dass man "Düsseldorf" ausschließen wolle. Mehr kann man leider nicht hören, weil plötzlich Michael Schmidt, er ist hier Pressereferent, vors Berghotel tritt und höflich darum bittet, Abstand zu halten. Man schätzt hier die Pressefreiheit. Aber sie hat Grenzen.

Aus der Zeit gefallen

Es ist Tag eins des Burschentages in Eisenach. An diesem Wochenende werden Deutschlands Burschenschaften hier wieder ihrer Weltkriegstoten gedenken. Sie werden mit Fackeln und Fahnen aufmarschieren. Sie werden viel trinken. Sie werden viele Lieder singen, vielleicht auch mal mit Strophen, die besser nicht nach draußen dringen. Sie werden Rituale pflegen, die für jeden, der keine Farben trägt, merkwürdig aus der Zeit gefallen wirken. Und nach außen werden sie vermitteln, dass alles zum Besten steht mit der Deutschen Burschenschaft im Jahr 2010. Aber das darf man getrost bezweifeln.

Denn wie es wirklich um die DB bestellt ist, machte jüngst ein Brief deutlich, der nebenbei untermauert, was die strammen Burschen stets weit von sich weisen: dass in gewissen akademischen Zirkeln der Rechtsextremismus eine wohlige Heimstatt hat.

Absender des Briefes, der der FR vorliegt, sind die Burschenschaften Alemannia, Hilaritas und der Verein Alter Burschenschafter aus Stuttgart. Im Dachverband, so schreiben sie, komme es wiederholt zu "Provokationen durch indirekt ausgedrückte Verehrung von Personen und Gedanken der nationalsozialistischen Zeit". Es sei nötig, "den erkennbaren rassistischen und extremistischen Tendenzen" auf dem Burschentag entgegenzuwirken.

In Eisenach stehen an diesem Nachmittag viele Dutzend Burschen mit Biergläsern, die man gerne fragen würde, was es mit den "extremistischen Tendenzen" auf sich hat. Nur sind die leider "nicht gewillt, Interviews zu geben", sagt ein Korporierter in Kniebundhosen. Man möge sich doch, bitte schön, an den Pressereferenten wenden.

Michael Schmidt ist ein 41-Jähriger mit dunklen Puppenaugen und schwäbischem Zungenschlag. Der Mann aus der Pharmaindustrie trägt die rot-silber-schwarzen Farben der Stuttgarter Hilaritas. Über den Brief seiner Studentenbrüder möchte er ungern reden. Dann sagt er doch: "Extremismus hat bei uns nichts zu suchen." Die Burschenschaft sei parteipolitisch neutral, "was der Einzelne macht, ist dessen Privatsache". Und wenn der Einzelne - nur mal als Beispiel - NPD-Aktivist ist? "Dann ist das sein gutes Recht. Wir entscheiden gerne selbst, was demokratisch ist."

Nun ist es aber so, dass in der Burschenschaft sehr viele Einzelne, und auch sehr viele einzelne Bünde Probleme mit der Abgrenzung zum organisierten Rechtsextremismus haben. So stammen etwa aus der Gießener Burschenschaft Dresdensia-Rugia eine Reihe von Menschen, die in der sächsischen NPD Karriere machten - darunter der Landtagsabgeordnete Jürgen W. Gansel, der mit seiner Rede vom "Bomben-Holocaust" in Dresden weithin Empörung erntete.

In Jena fand die Burschenschaft Normannia nichts dabei, immer mal wieder Rechtsextremisten in ihre "Wilhelmsburg" zu laden und Veranstaltungen von der militanten Kameradschaft "Thüringer Heimatschutz" bewachen zu lassen. Der Thüringer Verfassungsschutz nannte die Normannia ein "Sammelbecken für rechtsextreme Studenten und Neonazis". Zuletzt sorgte die Halle-Leobener Burschenschaft Germania für Aufsehen, die nicht nur Kontakte zu CDU- und FDP-Funktionären pflegen soll, sondern auch zu stadtbekannten Ultrarechten. Eines ihrer Treffen soll der aufgelöste Selbstschutz Sachsen-Anhalt bewacht haben - abgekürzt: SS-SA. Mindestens sieben Burschenschaften gelangten so oder ähnlich bereits ins Visier von Verfassungsschützern.

Zudem gibt es unzählige Burschenschafter, die in so gut wie jedem rechtsextremen Zusammenschluss etwas zu sagen haben oder hatten. Etwa in der NPD, der DVU, bei den Jungen Nationaldemokraten, in der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend, im Witikobund. Neuerdings stößt man auch in der braunen Pro-NRW-Bewegung immer häufiger auf schmissige Burschen.

"Zehn bis 20 Prozent der Meinungsmacher im extrem rechten Lager haben einen korporierten Hintergrund", sagt der Tübinger Student Lucius Teidelbaum, der seit Jahren den braunen Umtrieben nachspürt. Auf seinem Laptop hat er Hunderte Bilder gespeichert, sie zeigen unter anderem Burschenschafter, die in traditionellem Wichs - Mütze, Uniform und Band - bei Neonazi-Demos mitmarschierten. Der Buchautor Dietrich Heither kommt zu folgendem Schluss: "In der DB hat längst die Strömung das Kommando, die sich im Graubereich zwischen Rechts-Konservatismus und Rechtsextremismus bewegt."
Das war nicht immer so. Völkisch-national gaben sich die Burschenschaften, deren Ursprung in den Befreiungskriegen gegen Napoleon liegt, zwar schon immer. Aber lange hielten sich Gemäßigte und Radikale in der DB einigermaßen die Waage. Das änderte sich erst, als der Streit darüber, ob Österreicher in die Deutsche Burschenschaft gehören, 1961 eskalierte. Damals gründeten Bünde aus der DB mit österreichischen Korporierten die Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG), die bis heute die Auffassung vertritt, "dass keine Abtretung der Ostgebiete stattgefunden hat".

Der 32-jährige Christdemokrat und Korporierte Carsten Engelhardt winkt dagegen ab: "Ich kann nicht bestätigen, dass es bei uns irgendwelche Extremisten gibt." Engelhardt gehörte allerdings zu den Mitunterzeichnern eines Manifests gegen den "Linksruck" in der CDU. Außerdem ist er Vorsitzender der Heidelberger Burschenschaft Normannia und als solcher Verhandlungsleiter des diesjährigen Burschentages.

Jetzt sitzt er im Thüringer Hof und findet es erkennbar unangenehm, über "extremistische Tendenzen" reden zu müssen. Er ist gerade in so schöner Feierstimmung. "Wissen Sie", sagt Engelhardt, "wir Burschenschafter trinken ja auch ganz gerne mal einen Schoppen. Da kann es schon sein, dass sich mal der eine oder andere danebenbenimmt." Dann muss er gehen.

Es gibt für Engelhardt genügend zu tun: Der Fackelzug, der Kommers, Streit zwischen Rechten und Ultrarechten schlichten, den einen oder anderen Salamander reiben - wie das gegenseitige Zuprosten genannt wird. Morgen kommt der Gastredner. Es wird Christian Köckert sein. Der ist auch bei der CDU - war mal Innenminister von Thüringen.