taz vom 30.03.2010
Nachsicht mit Nazi-Schlägern
Ein grüner
Kreistagsabgeordneter und sein Bruder wurden Opfer eines Angriffs in Sonneberg.
Das Gericht ignorierte rassistische Motive der Täter und verhängte
nur Arbeitsstunden. VON Michael Bartsch
In Thüringen sorgt ein mildes Urteil gegen rechtsextreme Schläger
für Empörung bei den Geschädigten und Opferberatungen. Am Montag
verurteilte das Amtsgericht Sonneberg zwei vorbestrafte junge Männer wegen
einfacher Körperverletzung lediglich zu gemeinnützigen Arbeitsstunden,
ein dritter wurde freigesprochen. Schon die Anklage der Staatsanwaltschaft ließ
rassistische oder politische Motive des Übergriffs auf den bündnisgrünen
Kreistagsabgeordneten Filip Heinlein und seinen Bruder unerwähnt. Die Richterin
wollte ebenfalls "Leute nicht nach Äußerlichkeiten beurteilen".
Man solle nicht Dinge herbeireden, die nicht existieren.
Im November 2009 fiel eine Gruppe junger Männer in Thor-Steinar-Kleidung
und mit kurz geschorenen Haaren in einer Gaststätte auf. Sie sangen ein
antisemitisches Lied und pöbelten Punks an. Vor der Gaststätte wurde
der 16-jährige Bruder Heinleins wegen seiner "Judenlocken" beschimpft
und sollte seine Hose herunterlassen. Er und Filip Heinlein wurden geschlagen
und getreten, ein Glas ging an einem Kopf zu Bruch. Ein junger Zeuge, der den
Vorfall zunächst detailliert schilderte, widerrief seine Aussage in der
Verhandlung - aus "panischer Angst", meint Heinlein. Bei der Richterin
sieht er den "Wunsch, dass es solche Dinge nicht gibt".
Im Raum Sonneberg häufen sich derartige Attacken. Die Opferberatungen THO
und Mobit sprechen von einer Atmosphäre der Angst und des Totschweigens.
Der Innenausschuss des Landtages stufte den Fall als rechtsextrem ein.