Regiert am rechten Rand
Die Rechten jubeln
über seine schiefen Judenvergleiche. Den Bürgermeister des 25.000-Einwohner-Ortes
Arnstadt stört das nicht. Er steht für eine neue Welle der rechten
Mobilisierung in Deutschland und Europa. Ihr wichtigstes Merkmal: Islamkritik
statt plumpes "Ausländer raus!".
Arnstadt gehört zu den Orten, in denen niemand seinen Kaugummi auf den
Boden spucken würde. Zwei Polizisten auf Fußstreife kreuzen in einer
bergigen Gasse eine Kinderschar in Zweierreihe. Über ihren Köpfen
wehen gelbe Werbefahnen im ersten lauen Lüftchen des Jahres. Sie hängen
zwischen den Fassaden hergerichteter Fachwerkhäuser und künden vom
Bachfestival an diesem Wochenende, über dessen fünfjähriges Bestehen
die Leute hier so gerne reden.
Der Bürgermeister von Arnstadt redet zur Zeit gerne über andere Dinge.
Über die Juden im Dritten Reich zum Beispiel. Und darüber, ob es nicht
heutzutage die Rechten seien, die an ihrer Stelle ausgegrenzt würden.
Inzwischen hat Hans-Christian Köllmer diese Aussage zurückgenommen.
Er sagt sogar, sie sei komplett falsch. Für diesen Sinneswandel brauchte
es ein Gespräch mit dem Chef der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen.
"Ich habe Wolfgang Nossen angerufen und gefragt, ob ich da etwas falsches
gesagt habe", sagt Köllmer, ganz so, als sei es das Normalste der
Welt, dass er sich bei diesem Thema Rat von einem Fachmann holen musste.
"Uhh", habe Nossen am Telefon gesagt, erzählt Köllmer. Er
kneift die Augen zusammen, wirft seinen Oberkörper nach hinten und winkt
ab. "Sagen Sie das irgendwie anders, aber nicht so", zitiert er Nossen.
Aus dem Mund des Chefs der Jüdischen Landesgemeinschaft klingt das anders:
"Ungeheuerlich", sagt er, sei der Vergleich. Das hört sich ganz
und gar nicht so an, als habe sich Köllmer nur im Ton vergriffen.
Seit zehn Jahren
in der Verantwortung als Bürgermeister
Hans-Christian
Köllmer ist seit mehr als zehn Jahren Bürgermeister der kleinen Stadt
nur ein paar Kilometer südlich der Landeshauptstadt Erfurt. Er ist Chef
der freien Wählergemeinschaft Pro Arnstadt, die in allen Wahlen seit damals
immer zugelegt hat, wie Köllmer betont. Aktuell ist sie mit 30 Prozent
die größte Fraktion im Stadtrat und bildet zusammen mit der CDU eine
"bürgerliche Mehrheit" - noch. Denn Köllmer will sich mit
einem Verein einlassen, den die Arnstädter CDU einen "entschiedenen
politischen Gegner" nennt: Pro Deutschland. Die Gruppierung wurde 2004
von Akteuren der islamophoben Vereinigung Pro Köln gegründet, die
dem Verfassungschutz ihrerseits als rechtsextremistisch gilt.
Für die Opposition in Arnstadt ist das genug des Ärgers mit einem
Bürgermeister, der eine Jugendorganisation der NPD im September vergangenen
Jahres anstandslos ihren Thüringentag in seiner Stadt abhalten ließ.
SPD und Linke wollen Köllmer abwählen, distanziert er sich auf einer
Sondersitzung des Stadtrates kommende Woche nicht eindeutig von Pro Deutschland.
Großvater, der kein "Gutmensch" sein will
So wie der Bürgermeister
hinter seinem Schreibtisch sitzt und mit seinen 63 Jahren großväterlich
davon spricht, dass man immer seinen eigenen Weg gehen müsse, wird er es
darauf ankommen lassen. "Die versuchen mich schon seit Jahren kleinzukriegen,
das schaffen die nicht", sagt er. Er heftet seine blauen Augen sanft an
die des Gegenübers - dem Inhalt seiner Worte unangemessen.
"Die", dass ist vor allem die Linke, aber auch die SPD. Eine Partei
der "Gutmenschen", wie es in einem Pro-Deutschland-Brief an Thilo
Sarrazin heißt, den Köllmer mit unterschrieb. "Wenn die von
der SPD einen Ausländer sehen, der festgenommen wurde, dann glauben sie
automatisch, ihm helfen zu müssen. Ich frage erstmal nach, wie es eigentlich
dazu gekommen ist." Köllmer sagt eine Menge solcher Sätze, denen
zuzustimmen noch niemanden zum Nazi macht.
Und das ist der Trick: Köllmer bewegt sich mit seiner Rhetorik und seiner
Gesinnung in einer Grauzone, mit der sich viele in Deutschland schwer tun -
und in der sich Rechtsextreme deshalb seit Jahren schon immer hartnäckiger
festsetzen. Das Neue an Menschen wie Köllmer: Sie machen die Islamkritik
zu ihrer Waffe und versuchen so, die bürgerliche Mitte zu erreichen. Zum
Beispiel mit Aussagen wie dieser: "Die besetzen mit ihren Minaretten unser
Land, nehmen unsere Kultur ein." Auf die Frage, wie viele Moscheen es in
Arnstadt gebe, antwortet Köllmer nicht.
Extremismusexperten beobachten diese Bewegung schon länger: "Den rechten
Rand des politischen Spektrums abzufangen und darüber hinaus urbürgerliche
Werte zu bedienen, ist die Strategie von Gruppierungen wie Pro Deutschland",
sagt der Soziologe Professor Benno Hafeneger von der Uni Marburg, der die rechte
Szene in Deutschland kennt.
Pro Deutschland habe sogar ein Aussteigertelefon für CDU-Mitglieder geschaltet,
heißt es in ihren Kreisen. Findet Köllmer diese Attacke auf seinen
Partner im Stadtrat gut? "Das Programm der Bürgerbewegung würde
auch der CDU gut zu Gesicht stehen", sagt er ohne zu zögern.
Die Frau versteht
nicht - und schweigt
Schaden die Querelen
um den Bürgermeister dem Bachfestival, auf das hier alle so stolz sind?
Eine ältere Frau in der Arnstädter Bachkirche versteht diese Frage
nicht. Nächstes Jahr könne das Festival durchaus eine Nummer kleiner
werden, sagt sie und denkt an das Millionenloch im Arnstädter Haushalt
und die Kürzung des Kulturetats. Als sie erahnt, wie die Frage wirklich
gemeint ist, will sie nicht darüber reden. Bach ist ihr das bequemere Gesprächsthema.
Eleonore Mühlbauer aber will reden. Ihr ist das Gespräch sogar sehr
wichtig. Mühlbauer ist Arnstädterin und sitzt für die SPD im
Thüringer Landtag. "In einer Stadt, die Probleme mit Rechtsextremisten
hat, ist so ein Verhalten vom Bürgermeister Gift", sagt sie. Mindestens
zweimal im Jahr marschieren Neonazis in Arnstadt. Am Bahnhof sitzen Jugendliche
mit T-Shirts auf denen "Opa war in Ordnung" gedruckt ist.
Von Demonstrationen gegen die Aufmärsche der Rechtsextremisten hält
Köllmer nichts, "gar nichts". Die Leute sollten lieber ihre Fenster
zu machen und wegschauen, sie aktiv ignorieren. Eine vielsagende Haltung: Auch
die aktuelle Stoßrichtung von islamkritischen Rechten wie Pro Deutschland
hat starke Bindungen an den offen rechtsextremistischen Gestus. Aufmärsche
mit wehenden Fahnen, Demonstrationen der Stärke und des Stolzes auf die
nationale Vergangenheit - damit haben neue Rechte wie Köllmer kein Problem.
Und so sehr sich Arnstadts Bürgermeister auch von der NPD distanzieren
will ("Von denen halte ich nicht viel"), ein fader Beigeschmack bleibt,
wenn er sagt: Dass die Polizei in Dresden am 13. Februar den angemeldeten "Trauermarsch"
der Rechten nicht gegen die tausenden Gegendemonstranten durchsetzte, sei eine
Niederlage des Rechtsstaat gewesen. Wenn es stattdessen zu gewaltsamen Zusammenstößen
gekommen wäre, dann wäre das aus Sicht von Köllmer sowieso die
Schuld der Linken gewesen.
Das sei ja bekanntlich immer so. Auch in Arnstadt. Er zeigt aus dem Rathausfenster
auf den Marktplatz. Dort will er beobachtet haben, wie ein Linker einen Rechten
angegriffen habe. "Aber das sind auch Bürger meiner Stadt."
In Sichtweite des Rathauses wurden mitten in die Arnstädter Sauberkeit
schwarze Linien an eine weiße Wand gemalt. "Wählt sie nie wieder",
steht da. Rundherum nichts weiter. Die Enden des "W" sind ausgefranst
wie die bei abgebrochenen Streichhölzern. Es sieht wütend aus.