Verbotene
Symbole sind gang und gäbe
Vereinzelt auch Volksverhetzung und gefährliche Körperverletzung /
MdL Meissner zog ihre Anfrage zurück
Eine wahre Begebenheit:
Samstagabend in der Kreisstadt. Es ist gerade Kneipenfest. Eine Frau (Name der
Redaktion bekannt) ist dennoch in der Innenstadt nicht zu Fuß, sondern
im Auto unterwegs, denn sie will beim Fest nur kurz vorbeischauen. Als sie den
Wagen in der Coburger Straße parkt und sich auf den Weg in eine Gaststätte
macht, ziehen an ihr junge Männer - einer davon mit Thor-Steinar-Kappe
- vorbei. Sie gröhlen "Lebt denn der alte Stahl-Michel noch?!"
und "Sieg heil!" - zeigen laut und deutlich, wessen Geistes Kind sie
sind.
Während die Frau nun noch schneller der Gaststätte zueilt, hört
sie hinter sich einen starken dumpfen Schlag. Schlimmes ahnend läuft sie
wieder zum Auto. Aber es ist schon zu spät: Während die übermütigen
Skandierer im Dunkel verschwunden sind, stellt die Frau betroffen fest, dass
die Karosse des Wagens eine große Beule aufweist.
Warum sie all das nicht bei der Polizei angezeigt hat? Die Frau hat laut eigenem
Bekenntnis kein großes Vertrauen zu den Beamten. Sie fürchtet aber
vor allem die Rache der Täter, ist schon mal von so einem verprügelt
worden - und unterlässt deshalb die Anzeige.
Und so wird denn dieser Übergriff übermütigen braunen Nachwuches
in keiner Statistik auftauchen - auch nicht in einer, die Straftaten mit rechtsextremen
Hintergrund verzeichnet. Wieder ein Dunkelziffer-Fall. Sicher - einer, der durchaus
kein Dunkelziffer-Fall zu sein bräuchte, wenn da nicht die große
Angst des Opfers wäre, die es vor einer Anzeige zurückschrecken lässt.
Vier Monate vor dieser Begebenheit: Im November 2009 hatten einige, Aufsehen
erregenden Vorfälle in der Kreisstadt für ein Wiederaufleben der Diskussionen
übers Thema Extremismus gesorgt. Eine rechtspopulistische Transparent-Kampagne
an der Stadtumgehung und der brutale Angriff auf die Gebrüder Heinlein
hatten Schlagzeilen zur Folge. Freies Wort berichtete. Der Angriff auf die Heinleins
ist übrigens auch vom Thüringer Innenministerium unter "rechtsextreme
Aktivitäten" gelistet.
Auch diese Vorgänge nahmen Politiker zum Anlass, näher nachzuhaken.
Wie sieht es aus mit extremistischen Entwicklungen im Landkreis? Wie stark und
wie gefestigt sind hierzulande extremistische Strukturen? Welche Taten wurden
begangen?
Sowohl der Landesvorsitzende der Linken in Thüringen und MdL Knut Korschewsky
als auch Landtagsabgeordnete Beate Meißner (CDU) starteten noch zum Jahresende
2009 hin im Landtag Anfragen zum Thema Extremismus - Korschewsky mit Schwerpunkt
auf die Entwicklungen mit rechtsextremen Hintergrund, Meissner hingegen auch
mit anderen politisch extremistischen Tendenzen im Blick.
Korschewsky hat Freies Wort nun die Antworten von Thüringens Innenminister
Peter Michael Huber (CDU) auf seine Fragen zugänglich gemacht. Unter anderem
wies Huber darauf hin, dass der NPD-Kreisverband Sonneberg bereits 2002 aufgelöst
worden und dem Kreisverband Saalfeld-Rudolstadt angegliedert wurde. Huber: "Dieser
entfaltete in der letzten Zeit kaum eigene Aktivitäten und besitzt innerhalb
des Landesverbandes nur eine untergeordnete Bedeutung. Seine Mitgliederzahl
dürfte zirka 20 Personen betragen. Wie viele Mitglieder auf den Landkreis
Sonneberg entfallen, ist nicht bekannt."
Der Innenminister verweist jedoch auch auf das Wahlergebnis der rechtsextremen
Partei bei den jüngsten Kreistagswahlen, welches hierzulande nicht nur
das gegen Extremismus agierende Netzwerk für Demokratie aufhorchen ließ:
Bei den Kreistagswahlen erhielt die NPD 4,1 Prozent der Stimmen und damit zwei
Sitze.
Auf die Frage, ob es 2009 im Landkreis Sonneberg rechtsextremistische Aktivitäten
gegeben habe, verwies der Minister auf die schon genannten Wahlkampfaktivitäten
der NPD - und zudem auf eine Liste, die insgesamt 32 Straftaten aufweist. 27
davon stehen im Zusammenhang mit dem Verwenden von Kennzeichen verfassungsfeindlicher
Organisationen, vier mit Volksverhetzung und eine mit gefährlicher Körperverletzung.
Der Straftatbestand "Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen"
taucht in dieser Liste quasi im Monatstakt auf.
Dass es in jüngster Zeit verstärkte extremistische Aktivitäten
im Sonneberger Land gäbe, verneint Huber hingegen. Als bekannte Szene-Objekte
Rechtsextremer werden für den gesamten Landkreis lediglich drei Lokalitäten
benannt - eine in Oberlind, eine in Hönbach und die "Lauschensteinbude/Löwenbrunnen"
in Lauscha. Es lägen keine Erkenntnisse über eine eventuell versuchte
Unterwanderung von Schützen- oder Sportvereinen vor. Lediglich der in Lauscha
ansässige Verein "Pflege Deutscher Denkmäler Thüringen"
weise - so Huber - "rechtsextremistische Bezüge dergestalt auf, das
fünf der sieben Gründungsmitglieder bekannte Rechtsextremisten sind".
Bezüglich einer eventuellen ländergrenzenübergreifenden Kooperation
thüringischer und bayerischer Rechtsextremer heißt es lediglich:
"Erkenntnisse im Sinne dieser Anfrage liegen nicht vor. Gleichwohl existieren
persönliche Kontakte auch länderübergreifend, die sich - wie
im Falle der Band "Unbeliebte Jungs" (neuformiert aus der Rechtsrock-Band
"Sturmangriff", der FolgeBand von "Volksverhetzer" - Anmerkung
der Redaktion) - auch in gemeinsamen Wirken äußern können."
Insgesamt beurteilte Korschewsky die Antworten des Ministers als "ziemlich
dürftig". Er ist sich sicher: "Man hat darin nur preisgegeben,
was man preisgeben musste - mehr aber auch nicht." Aber auch die vorgelegten
Zahlen zeigten, dass es im Landkreis Sonneberg bezüglich Rechtsextremismus
"eine nicht wegzuleugnende Entwicklung gibt". Auch Korschewsky ist
unter denen, die schon lange ein Landesprogramm gegen Rechtsextreme fordern.
Ein solches Landesprogramm gegen Extremismus ist mittlerweile auch geplant.
Korschewsky ist allerdings skeptisch, ob es auch tatsächlich zustande kommt.
MdL Beate Meißner erklärte gegenüber Freies Wort bezüglich
der von ihr getätigten Anfrage: "Zweck meiner Anfrage war es, an einem
weiteren Beispiel zu verdeutlichen, das Extremismus unterschiedliche Gesichter
hat. Da inzwischen jedoch weitgehend akzeptiert wird, dass das geplante Landesprogramm
für Demokratie, Weltoffenheit und Toleranz nicht ein Programm ausschließlich
gegen den Rechtsextremismus sein soll, hat sich das Anliegen erledigt und ich
habe meine Anfrage zurückgezogen. Ich werde für meine Fraktion als
Vertreterin in der Arbeitsgruppe zur Erarbeitung dieses Programms mitwirken."
Sie betont zudem: "Überdies ist demnächst mit der Vorlage der
Landesstatistik zur politisch motivierten Kriminalität zu rechnen."
Ihr Standpunkt: "Vor diesem Hintergrund erweist sich die gewählte
kommunale Perspektive ebenfalls als zu wenig aussagekräftig, um damit Verwaltungen
zu beschäftigen."
Sie ist sich aber auch sicher, dass hierzulande durchaus schon aktiver und intensiver
gegen Extremismus vorgegangen wird: "Im Landkreis Sonneberg existiert eine
enge Zusammenarbeit zwischen demokratischen Kräften, kommunalen und polizeilichen
Sicherheitsbehörden sowie Veranstaltern sowohl im repressiven als auch
im präventiven Bereich. Diese sollte ausgebaut werden, um frühzeitig
Erkenntnisse zu gewinnen und damit gegebenenfalls relevante Veranstaltungslagen
zu bewältigen. Die Arbeit des Netzwerkes für Demokratie hat sich in
diesem Zusammenhang bewährt, um politisch motivierte Gewaltkriminalität
unabhängig von ihrer jeweiligen weltanschaulichen Begründung bekämpfen
zu können."
Heute wird am Amtsgericht Sonneberg wegen der Täter verhandelt, die in
der Nacht zum 14. November 2009 die Gebrüder Heinlein vor einer Kneipe
im Stadtzentrum niederprügelten. Freies Wort wird über das Verfahren
berichten.