Netz gegen Nazis vom 11.03.2010
Tierschutz
als Deckmantel für Naziideologien
Die Sympathie für
Tiere wird oft von Nazis instrumentalisiert, um auf antidemokratische und rassenbiologische
Positionen überzuleiten.
So zeigt sich die Tierliebe der Rechtsextremen besonders dann, wenn sie sich
gegen eigene Feindbilder richten lässt.
Von Eric Stritter
Beim Thema Tier-
und Umweltschutz geht es den Nazis nicht um die Sache an sich, sondern vielmehr
um die Sicherung der "Lebensgrundlage" der deutschen "Volksgemeinschaft".
Durch gesellschaftskritische Inhalte und clevere Kommunikationsmaßnahmen
wird versucht, in sozialen Bewegungen Fuß zu fassen und Sympathisanten
für sich zu gewinnen.
Mit Vorgeschichte
Wenn sich "Autonome Nationalisten" in Sachen Tierrechte und Naturschutz
engagieren, können sie auf NS-Traditionen zurückgreifen. Schon im
Jahr 1933 verabschiedeten die Nationalsozialisten das erste Tierschutzgesetz
("Reichstierschutzgesetz") in Deutschland. Für sie war bereits
damals der Tierschutz ein populäres Thema, das genutzt wurde, um Juden
mit Tierschutzargumentationen zu diskriminieren.
Am 21. April 1933 wurde das Schächten, eine Schlachtart, bei der das Tier
zum rückstandslosen Ausbluten gebracht wird, vom Reichstag unter Strafe
gestellt. Das Gesetz beinhaltete, warmblütige Tiere beim Schlachten vor
Beginn der Blutentziehung zu betäuben. Ausnahmen waren nur bei Notschlachtungen
gestattet. Bei vorsätzlichen oder fahrlässigen Zuwiderhandlungen wurden
Geldstrafen oder Gefängnisstrafen von bis zu sechs Monaten Haftdauer angedroht.
Ein weiterer wesentlicher Inhalt des Gesetzes verbot sämtliche Tierversuche
an lebendigen Tieren, auch Vivisektion genannt. Besonders makaber, diese Versuche
wurden später auf grausame Weise an Häftlingen in den Konzentrationslagern
durchgeführt. Das Gesetz gehörte den ersten und in erheblichem Maß
propagandistisch verwendeten Gesetzgebungsmaßnahmen der NS-Zeit an. Es
bediente eine Vielzahl weit Verbreiteter antisemitischer Feindseligkeiten und
schränkte die religiösen Freiheiten der Juden erheblich ein.
Traditionen werden fortgesetzt
Auch heute ist das Schächten noch ein wichtiges Thema bei rechtsextremen
Gruppierungen. Durch das erneute Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 15.
Januar 2002 wurde eingeräumt, dass aus religiösen Gründen mit
einer Ausnahmegenehmigung das Schächten erlaubt ist. Das Urteil wird immer
wieder von der NPD und rechten Organisationen in Frage gestellt und angefochten
zu werden.
So steht im aktuellen Wahlprogramm der NPD, dass die Partei "für einen
effektiven und konsequenten Tierschutz" kämpft. Ein Engagement, für
das viele Parteien eintreten. Die Verbindung zum Antisemitismus und Islamfeindschaft
kommt dann einige Absätze später: "Unnötige Tierquälerei
beim betäubungslosen Schlachten (Schächten) lehnt die NPD strikt ab.
Zuwiderhandlungen sind strafrechtlich zu ahnden" (Quelle: NPD Wahlprogramm).
Hinter diesen Forderungen steht eine klare Strategie. Die vermeintlich progressiven
Inhalte fungieren als Fassade für rechtsextreme Ideen. Tierschutz scheint
geeignet, um mit gesellschaftskritischem Anstrich neue Anhänger aus gänzlich
anderen Kontexten zu gewinnen.
Randnotiz....
Gerade junge Menschen fühlen sich oft durch das populäre Thema "Tierschutz"
angesprochen und können darüber in das Netz der national-ökologischen
Strategie geraten. Es ist für viele Menschen schwierig zu erkennen, dass
es den Nazis beim Umwelt- und Tierschutz die alte NS-Blut-und-Boden Ideologie
geht, die jedes "Volk" ohne seinen "Lebensraum" sterben
sah. Geschickt verpacken sie ihre ideologische Überzeugungsarbeit unter
dem Deckmantel des Tierschutzes.
Den Deckmantel nutzen
Die Nazis analysieren dabei, wo tatsächlich Potential für inhaltliche
Vereinnahmung vorhanden ist. "Autonome Sozialisten" protestieren nicht
nur bei Montagsdemos gegen die Hartz-IV-Reform mit, sie engagieren sich in Sachen
Umweltschutz und interessieren sich auch für Tierrechte und Veganismus.
Das engagierte Gesicht wird aufgetragen, um sich beliebt zu machen und in der
Gesellschaft Fuß fassen zu können.
Neonazis und der Antispeziesismus
So wird versucht, "links" definierte Szene-Codes zu kopieren. Über
politische Schlagworte wie "Antikapitalismus" bis hin zum szenetypischen
Bekleidungsstil und subkultureller Musik wird dem rechten Lebensstil angepasst,
was sich irgendwie mit der rechten Ideologie vereinbaren lässt. So ist
zum Beispiel das schwarz-grüne Symbol "Antispeziesistische Aktion",
angelehnt an das Symbol der "Antifaschistischen Aktion", das Symbol
der Antispeziesistischen Bewegung der linken Tierschützer-Szene (Speziesismus
bezeichnet die Ungleichbehandlung von Lebewesen aufgrund ihrer Art, wendet sich
also gegen die Ungleichbehandlung von Menschen und Tieren, für die Freiheit
und Gleichheit aller Lebewesen).
Obwohl der Grundgedanke der "Gleichheit aller Lebewesen" in eklatantem
Widerspruch zur rechtsextreme Ideologie steht, die ja gerade auf Ungleichwertigkeiten
basiert, wird das Symbol und auch die Idee des Antispeziesismus kurze Zeit später
wird es von den "Nationalen Sozialisten" aufgegriffen.
Zitat aus einem rechten Internet-Forum:
"Ursprünglich steht das Symbol für die Antispeziesistische Aktion.
D.h. für die Gleichstellung verschiedener Spezies (Tier und Mensch). Wir
haben uns das Symbol angeeignet, da es für uns eine Verbindung zwischen
der National Sozialistischen Weltanschauung und der Naturverbundenheit darstellt.
Das Symbol ist aber schon abgeändert worden, damit unmissverständlich
klar wird, dass auch Nationale Sozialisten im freien Widerstand für die
Rechte der Tiere kämpfen!"
Allerdings sind sich die Nazis selbst unsicher, was das für sie jenseits
der platten Formel "Tierschutz ist Heimatschutz" in Referenz an die
nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie heißt. So trösten
sie sich etwa in einem Posting einer rechten "AG Tierrecht" damit,
dass nicht-rechte Tierrechtsaktivisten da auch nicht konsequent leben würden.
Als Ziele definieren sie an anderer Stelle etwa ein "Zucht- bzw. Kreuzungsverbot
verschiedener Tierarten und -rassen. Dieses soll gewährleisten, dass sich
die einzelnen Arten und Rassen "selbstbestimmt" entwickeln, können,
ohne menschlicher Manipulation ausgeliefert zu sein." Das passt zu neurechten,
ethnopluralistisch-rassistischen Theorien, die "Völker" sollten
unter sich bleiben und sich nicht mischen.
Gezielte Unterwanderung der Szene
Zum ersten Mal ins Licht der Öffentlichkeit gerieten rechtsextreme Tierschützer
aus Dresden und Pirna im Frühsommer 2006. Sie beteiligten sich in Dresden
an einem Aktionstag gegen die Pelzindustrie. Vor der örtlichen Filiale
von "Peek & Cloppenburg" verteilten sie, in Boxer-Shorts gekleidet,
Flugblätter der Tierschutzorganisation PeTA. Deren bekannte Kampagne "Der
Holocaust auf deinem Teller", der Fleischverzehr mit dem Massenmord der
Nazis gleichsetzte und diesen damit verharmloste, bot den Nazis vorzügliche
Möglichkeiten der Anknüpfung. Während der überwiegende Teil
der Anti-Pelz-Aktivisten sich klar abgrenzte, gab es auch Stimmen, die die Anwesenheit
der Neonazis durchaus für hinnehmbar hielten. "Hauptsache für
die Tiere", hieß es beispielsweise.
Im März 2007 tauchte in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg eine
polizeibekannte Gruppe Nazis vor einem Wanderzirkus auf und verteilte Anti-Zirkus-Flugblätter.
Es kam zu einer Schlägerei. Initiiert wurde die Aktion von Anhängern
der so genannten "Nationalen Sozialisten - AG Tierrecht", ein Zusammenschluss
mehrerer nationalistischer Kleingruppen aus Nordrhein-Westfalen, die laut ihrer
inzwischen inaktiven Webseite "Stimme und Fäuste gegen die grausame
Ausbeutung der Tierwelt" erheben wollte. "Erwünschenswert ist
es auch, dass man sich an Aktionen anderer Organisationen beteiligt", heißt
es in der Satzung. Dieser Aufruf offenbart die Strategie der Unterwanderung
der Tierschutzszene von rechts. Die Vorgehensweise zeigt, dass ganz gezielt
bekannte Institutionen missbraucht und vereinnahmt werden, um die Ideale der
"Nationalen Sozialisten" publik machen zu können und neue Stimmen
für sich einzufangen.
Oktober 2009. Ein muslimischer Metzger aus Mittelhessen kriegt zum wiederholten
Male vom Bundesverfassungsgericht bestätigt, dass er weiterhin ohne Betäubung
nach muslimischem Ritus schlachten darf. Sein Kampf mit der Justiz hält
bereits 15 Jahre an. Immer wieder wurde der Fall von Nazis aufgegriffen, so
auch von Patrick Wieschke, einer der aktivsten Rechtsextremen in Deutschland
und derzeitiger NPD-Funktionär in Thüringen. In dem NPD-finanzierten
Thüringer Anzeigenblatt "Wartburgkreisbote" hetzte Wieschke:
"Nur in derart verseuchten Richterhirnen, mit einem Korpus ohne Rückrat
und Herz, dem Multi-Kulti-Wahn verfallen, vermag so grauenhafte, archaische
und anachronistische, nach Deutschland eingeschleppte Tierquälerei wie
betäubungsloses Tierabmetzeln zur Religionsausübung mutieren."
Probleme werden sichtbar
Gerade die ideologische Offenheit von Teilen der Tierrechtsszene gegenüber
rassistischen und antisemitischen Inhalten bietet Neonazis ungeahnte Möglichkeiten
der Anknüpfung. Die Tatsache, dass mit der Beschränkung auf die Forderung
nach Tierrechten keine anderen Herrschaftsmechanismen angegriffen werden, macht
es den Neonazis sehr leicht, Gemeinsamkeiten zu entdecken und diese für
sich zu nutzen.
Was sagt der "Deutsche Tierschutzbund"?
Der "Deutsche Tierschutzbund" als Dachorganisation der Tierschutzvereine
und Tierheime in Deutschland ist sich des Problems bewusst. "Wir sehen
absolut keine Berührungspunkte mit Nationalsozialisten. Wir treten für
die Tiere ein, dass bedeutet aber nicht das wir Rassismus akzeptieren",
sagt Thomas Schröder, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes.
Beim Thema Schächten geht es dem Tierschutzbund vor allem um die respektvollen
Methoden, unter denen das Tier geschlachtet wird. "Wir sehen das Tier und
das Leid. Wir sehen die Religion, die dahinter steht und versuchen gemeinsam
nach Lösungen zu suchen", erläuterte der Geschäftsführer.
In vielen Gesprächen mit Muslimen und Juden werden Lösungsansätze
erarbeitet, die für alle Seiten akzeptabel sind. So ist das Schächten
mit Elektrokurzzeitbetäubung mittlerweile für die Mehrheit akzeptabel.
Generell schließt der "Deutsche Tierschutzbund" Berührungspunkte
mit den Nazis aus. "Wer Mitmenschlichkeit im Hetzen trägt, kann mit
Rassismus nichts zu tun haben." Trotzdem ist sich Thomas Schröder
bewusst, dass gerade der Tierschutz und auch der Umweltschutz ein Einfallstor
für Einzelpersonen und Gruppierungen der Rechten Szene bietet. "Wir
nehmen das Thema ernst und gehen keinesfalls naiv damit um, denn meistens werden
solche Werte Orientierung erst auf den zweiten, dritten Blick erkennbar."