Blick nach Rechts vom 18.02.2010
Überwindung
des Systems
Jenseits von Parteistrukturen hat sich das so genannte Freie Netz
als hierarchisch organisiertes Neonazi-Netzwerk etabliert.
Seit nunmehr drei Jahren arbeiten Neonazis unter dem Etikett Freies Netz zusammen. Hinter dem Leitspruch freiheitliches Fühlen - sozialistisches Denken - völkisches Handeln stehen so genannte Freie Kräfte, deren Schwerpunktaktivitäten in Sachsen, Ostthüringen und dem Südosten Sachsen-Anhalts liegen. Die anfangs lose Vernetzung, die 2007 entstand, wich im Laufe der Zeit einer organisierten Struktur. Auch das Verhältnis zur NPD hat sich gewandelt.
Als im August 2008 ein Mädchen in Leipzig misshandelt und getötet worden war, fanden wöchentlich Trauermärsche statt, die maßgeblich von Neonazis bestimmt wurden. Für die Anwohner bestand kaum ein Problem darin, neben etlichen Transparenten mit der Forderung nach der Todesstrafe für Kinderschänder zu laufen. Als Istzvan Repaczki, der Onkel des getöteten Mädchens auf den Plan trat, wusste anfangs niemand, dass es sich bei ihm um eine Kaderfigur des Freien Netzes (FN) Leipzig handelte. Die Neonazis vom FN waren mehrmals mit mehr als 100 Personen an den Protesten gegen Kindesmissbrauch beteiligt, bis die Stadt schließlich einschritt.
Organisatorisch sowie personell knüpfte das FN an Strukturen des so genannten Nationalen Beobachters und des Nationalen und Sozialen Aktionsbündnis Mitteldeutschland an. Beide Strukturen waren Zusammenschlüsse von verschiedenen Freien Kameradschaften im Raum Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Mit der Öffnung der Neonazi-Szene für andere Subkulturen und der damit verbundenen Auflösung der alten Skinhead-Kameradschaften füllte das FN diese Lücke komplett aus. In Sachsen sind so genannte Stützpunkte des Freien Netzes vor allem im Bereich Mittel- und Nordsachsen zu finden, unter anderem in Chemnitz, Geithain sowie in und um Leipzig.
Was von vielen
Behörden bis heute als unscheinbare Gruppe von Neonazis wahrgenommen wird,
ist mittlerweile eine feste Größe in der deutschen Neonazi-Szene.
Aktivisten des FN treten nicht nur auf Demonstrationen in Deutschland auf, sondern
ebenfalls bei Veranstaltungen des tschechischen Narodni (Nationaler
Widerstand). Auch das Fest der Völker, ein internationales
Neonazi-Event in Thüringen, wird vom Freien Netz zum Beispiel durch
Ordner unterstützt. Doch nicht nur auf Demonstrationen nehmen die
Anhänger des FN personell und mit Transparenten einen sichtbaren Platz
ein, auf ihren regionalen Seiten im Internet verbreiten sie mit einem modernen
Design ihre Parolen und Texte.
Gute Zusammenarbeit mit der NPD
Viel unscheinbarer sind die Rekrutierungsversuche bei Jugendlichen im Raum Nordsachsen. Hier werden regelmäßig Ausflüge, Wanderungen und Grillabende in vertrauter Runde durchgeführt. Dabei werden gezielt Menschen aus dem persönlichen Umfeld angesprochen und eingeladen, um sie in die Szene einzuführen. Seit etwa zwei Jahren wird beobachtet, dass viele junge Menschen den Anschluss an das FN gefunden haben.
Für die NPD, insbesondere den sächsischen Landesverband, ist das FN mit seinen vielen jugendlichen Anhängern besonders interessant. Dies hat verschiedene Gründe. Vor der Landtagswahl 2004 konnte die NPD auf die volle Unterstützung der Freien Kräfte bauen, was sich im Laufe der Jahre änderte. Daher war der Parteiführung schnell klar, dass ein offensiver Wahlkampf - wie er 2009 geführt wurde - nicht ohne die Unterstützung der parteifreien Aktivisten möglich war. Mehrere Aktivisten des FN wurden für ihre Unterstützung belohnt. So arbeiten mit Marcus Großmann, Tommy Naumann, Istzvan Repaczki und Maik Scheffler gleich vier FN-Kader für die Landtagsfraktion der NPD in Dresden.
Exemplarisch für die gute Zusammenarbeit zwischen dem FN und der NPD steht auch das NPD-Bürgerbüro in Geithain. Im Zentrum des Ortes wurde ein Haus gekauft, das offiziell als Büro genutzt werden soll. Doch bisher wurde das Objekt fast ausschließlich vom Umfeld des FN Geithain für interne Veranstaltungen genutzt, dessen Stützungspunktleiter Manuel Tripp ist außerdem parteiloser Stadtrat in Geithain.
Im Gegensatz zu
ihren Gesinnungskameraden aus den neuen Bundesländern haben allerdings
die Anhänger des seit Anfang 2009 aktiven Freien Netzes Süd
(FNS) ein gespaltenes Verhältnis zur NPD. Nach einem gescheiterten Putschversuch
auf dem Landesparteitag der NPD-Bayern im November 2008, auf dem einige der
heutigen Aktivisten des FNS versuchten, Führungspositionen zu besetzen
und damit den Kurs der Landes-NPD zu radikalisieren, etablierte sich die neue
Struktur. Infolge des Parteitags soll es auch zu handgreiflichen Auseinandersetzungen
zwischen NPD-Anhängern und Freien Kräften gekommen sein.
Auf die geistige Revolution hinarbeiten
Das FNS propagiert einen Nationalen Sozialismus und sieht seine Aufgabe in dem Kampf um die Straße und dem Kampf um die Köpfe. Insider vermuten hinter der jungen Struktur den Versuch, die 2004 verbotene Fränkische Aktionsfront als Kameradschaftsdachverband neu zu beleben. Hauptprotagonist und Anmelder der Domain, die als Widerstandsportal für Bayern, Franken, Schwaben und die Oberpfalz dienen soll, ist Tony Gentsch aus dem nordbayerischen Töpen. Der ehemalige Bassist der Combo Braune Brüder hat seinen Lebensschwerpunkt auf die Szene verlagert. Er pflegt nicht nur Bundesländer übergreifende Kontakte, sondern gilt auch als Organisator unzähliger Rechtsrock-Konzerte. Gentsch betreibt auch den Online-Shop Versand 100%...alles für den Straßenkampf.
Unser Freies Netz und die anderen Freien Netze in Mitteldeutschland und im Süden der BRD dürfen erst der Anfang sein! schreiben die Nationalen Sozialisten Jena auf ihrer Internetseite. Das Ziel sei eine Vernetzung, gegen die auf Dauer kein Regime der Welt ankämpfen kann. Durch Sonnenwendfeiern und Orientierungsmärsche soll das kameradschaftliche Zusammensein gefördert werden, während durch Schulungen und Vortragsveranstaltungen auf eine geistige Revolution hingearbeitet wird.
Jenseits neonazistischer
Parteistrukturen etabliert sich mit dem FN Stück für Stück ein
hierarchisch organisiertes Netzwerk. Dass es in den einzelnen Regionen ein unterschiedliches
Verhältnis zur NPD gibt, spielt in der praktischen Arbeit der Neonazis
keine Rolle. Die Überwindung des Systems, das heißt die
Abschaffung der Demokratie, bleibt ein gemeinsames Ziel.