BNR vom 12.02.2010
Vom
Regen in die Traufe
Rieger-Immobilien bleiben in rechter Hand - die rassistische "Gesellschaft
für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung" tritt
das Erbe an.
von Andrea Röpke/Maik Baumgärtner
Zweieinhalb Monate
nach dem Tod des Hamburger Neonazi-Anwaltes Jürgen Rieger steht fest, dass
Neonazis weiterhin die "Schlüsselgewalt" über mindestens
zwei seiner Großimmobilien behalten dürften. Sowohl das "Schützenhaus"
im thüringischen Pößneck und der "Heisenhof" im Landkreis
Verden in Niedersachsen, beide Immobilien im Besitz der "Wilhelm Tietjen
Stiftung Ltd", gehörten Rieger defacto gar nicht, sondern waren von
ihm nur treuhänderisch verwaltet worden. Zwar ist die rassistische "Gesellschaft
für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung e.V."
(GfbAEV) noch nicht formal als Erbe der Tietjen-Stiftung eingetragen, aber der
in Schleswig-Holstein ansässige Verein gilt als zukünftiger Eigentümer
beider Anwesen.
Noch zu Lebzeiten erteilte der vermögende Bremer Wilhelm Tietjen Rieger
den Auftrag eine Stiftung beziehungsweise britische Gesellschaft seines Namens
zu gründen. Dem kinderlosen Ex-Lehrer stand der Sinn nach einer baldigen
"Gründung eines Instituts zwecks Mehrung der Träger elitärer
Erbanlagen" sowie die "Errichtung einer entsprechenden Spermienbank".
2002 starb Tietjen, den Nachbarn als eigensinnigen "Waldschrat" wahrgenommen
hatten und hinterließ ein Testament, welches nun bei Aufräumarbeiten
in Riegers Hinterlassenschaften gefunden wurde. Demnach war der Hamburger Neonazi-Anwalt
und Chef des NPD-Landesverbandes zunächst "Testamentsvollstrecker",
dann Verwalter der Tietjenschen Millionen - allerdings in doppelter Eigenschaft
als Geschäftsführer der britischen "Wilhelm Tietjen Stiftung
Ltd", sowie als Vorstandsmitglied der einzigen Erbin, der "Gesellschaft
für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung e.V."
Neuer Vorstand von der "Artgemeinschaft"
Ein Berg Arbeit
wartet auf die Nachlassverwaltung im Fall Rieger, vieles ist noch im Unklaren
- aber Einigung besteht darüber, dass Riegers einzige Erben, seine vier
Kinder aus zwei Beziehungen, nichts mit dem Tietjen-Besitz in Pößneck
und Dörverden zu tun haben werden. Damit scheinen die Kommunen in Dörverden
und Pößneck vom Regen in die Traufe zu kommen. Im Januar wurde ein
neuer Vorstand der GfbAEV, deren Ziele unter anderem die Förderung "erbgesundheitlicher
Bildungsarbeit" und "Sozialhygiene" sind, gewählt. Riegers
älterer Mitvorständler, der pensionierte Chemiker Siegward Knof aus
Grafrath, sah sich wohl als überfordert an, die neuen Aufgaben zu bewältigen.
Insiderinformationen zufolge habe Riegers enger Adlatus Thomas Wulff, genannt
Steiner, noch versucht, eine Führungsposition im Verein zu erlangen.
Die übernahm jedoch ein anderer: Marc Müller, der im Herbst vergangenen
Jahres mit seiner großen Familie von Baden-Württemberg in die Nähe
von Güstrow gezogen war. Müller und seine Ehefrau Petra sind im braunen
Netz keine Unbekannten, sie galten als enge Weggefährten Riegers. Sie zählen
zur rassistischen "Artgemeinschaft", nahmen an Treffen auf dem "Heisenhof"
teil, waren zuvor schon in der verbotenen "Wiking-Jugend" und bis
zum Verbot 2009 im Umfeld der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ)
aktiv. Den beiden Kindererziehungsvereinen war eine Wesensverwandtschaft mit
dem Nationalsozialismus nachgewiesen worden.
"Mündlich erteiltes Besitzrecht"
Petra Müller
gehörte vor vier Jahren zu den Mitbegründerinnen der NPD-Unterorganisation
"Ring Nationaler Frauen". Ihr Mann betrieb im vergangenen Jahr einen
militärisch-anmutenden "Zivilschutzversand" mit Survivaltouren
für das Überleben in der Krise, Fluchtgepäcken und Schießübungen
in Tschechien im Angebot.
Als gewählter Neuvorstand des akademischen "Rassisten-Clubs"
GfbAEV wird Müller jetzt zuständig sein für die Immobilien. Noch
liege die "Schlüsselgewalt" allerdings bei Wulff, heißt
es. Der soll im Mai 2009 in Thüringen die Kopie einer Verfügung vorgezeigt
haben, mit der Rieger "im Falle seines Ablebens" Wulff als seinen
Vertreter bestimmt habe, wissen Insider. Als Erbe Riegers taucht Thomas Wulff
nicht auf. Er sei aber sofort eingesprungen, als der überforderte GfbAEV-Vorstand
unter Pensionär Knof Hilfe gesucht habe. Das war vor der Wahl Müllers.
"Nationale Wirtschaftsnetzwerke" stärken
Den zuständigen
Behörden in Verden und im Saale-Orla-Kreis ist die Rasse-Vereinigung GfbAEV
noch "kein Begriff". Sie gingen bisher davon aus, dass Riegers Kinder
erben würden. In Dörverden liegt eine teure Abrissverfügung für
die vier ehemaligen Bundeswehrgebäude auf dem "Heisenhof" vor.
Rieger war dagegen vorgegangen. Ob es zum Abriss kommen kann, darüber muss
das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg entscheiden.
In Thüringen hat sich bereits am letzten Wochenende gezeigt, dass es die
Hobby-Rasseforscher um Müller und Knof wenig zu stören scheint, wenn
in ihrer großräumigen Immobilie mitten in Pößneck ein
lautes Rechtsrock-Konzert stattfindet. Am 6. Februar lud der bekannte thüringische
Neonazi Andre Kapke rund 200 Anhänger unter anderem aus Dresden, Gera und
Erfurt zu einer privaten Feier per "SMS-Einladungen" ins "Schützenhaus"
ein. Drei Bands sollen gespielt haben. Auch Kapke gibt vor, ein "mündlich
erteiltes Besitzrecht" des umtriebigen Hamburger Neonazis Rieger erhalten
zu haben. Bereits im Herbst, noch vor dessen Tod, veranstaltete Kapke auf dem
Gelände mit über 500 Anhängern das alljährliche "Fest
der Völker". Um die "nationalen Wirtschaftsnetzwerke" zu
stärken, soll demnächst eine rechte Messe in Pößneck geplant
sein.