TAZ vom 28.01.2010
Wort
gegen Wort
Kritik an Familienministerin Köhler
Die Grünen werfen Familienministerin Köhler vor, sie wolle Initiativen gegen Rechtsextremismus vom Verfassungsschutz überprüfen lassen. Ihr Ministerium bestreitet das. VON ANDREAS SPEIT
Die Opposition
wirft Bundesfamilienministerin Kristina Köhler (CDU) vor, staatlich geförderte
Initiativen gegen Rechtsextremismus vom Verfassungsschutz überprüfen
lassen zu wollen. "Dies ist eine völlig unverhältnismäßige
Vorverurteilung" sagt Sven-Christian Kindler, Bundestagsabgeordneter der
Grünen. Zivilgesellschaftliche Anti-Rechts-Initiativen benötigen mehr
Anerkennung und Unterstützung und gehörten nicht "unter Generalverdacht
gestellt", sagt Kindler.
Bei einem Beratungsgespräch über den Haushaltsplan des Familienministeriums
für die Haushaltsausschuss-Mitglieder soll die Maßnahme eingeräumt
worden sein. "In der Beratung hat Ministerin Köhler sich eine Regelüberprüfung
durch den Verfassungsschutz jeglicher Initiativen, die staatliche Fördergelder
bekommen, ausdrücklich vorbehalten", berichtet Kindler, der Mitglied
des Haushaltsausschusses ist.
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend trägt
das Programm für Demokratie, Vielfalt und Toleranz mit. Seit 2001 wurden
durch das Programm unterschiedliche Projekte und Initiativen bei ihren Bemühungen
für Demokratie und im Kampf gegen Rechtsextremismus unterstützt. Laut
den Grünen plant die Ministerin jetzt aber für die neue Förderperiode
ab 2011 Gespräche mit dem Bundesinnenministerium und Verfassungsschutz
über eine Regelüberprüfung aller Initiativen zu führen.
Köhlers Ministerium bestreitet das jedoch: "Die Ministerin will mitnichten
eine Regelüberprüfung einführen", versichert Sprecher Marc
Kinert der taz. Von einem grundsätzlichen Verfassungsschutz-TÜV bei
Antragstellung können nicht die Rede sein.
Die Grünen wollen sich bei der Beratung aber nicht bloß verhört
haben. "Die Ministerin erklärte auf unsere Nachfragen, eine Regelanfrage
anzustreben", betont Kindler. Die Maßnahme passen in die Extremismuslogik
der Ministerin, "Linksextreme und Rechtsextreme auf eine Stufe zu stellen".
Sollte die Familienministerin tatsächlich solche Absichten haben, wäre
dies völlig verantwortungslos, glaubt Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin
der Linken im Bundestag. Für sie ist diese "staatliche Anti-Antifa-Politik
Wasser auf die Mühlen der Nazis" und stigmatisiere die gesellschaftlichen
Initiativen gegen rechts. "Wer Nazis so ermutigt, darf mit Recht als geistige
Brandstifterin bezeichnet werden", betont Jelpke.
Die Ankündigung der Ministerin sei irritierend, sagt Sebastian Edathy,
Sprecher der Arbeitsgruppe "Rechtsextremismus und Gewalt" der SPD-Bundestagsfraktion.
Es sei gängige Praxis, dass Projekte und Initiativen im Falle einer staatlichen
Förderung oder Auszeichnung vom Verfassungsschutz des Bundes und der Länder
überprüft würden. "In der Ankündigung von Frau Köhler
klingt aber mit an, dass bei den Förderprogrammen bisher massiv Linksextremisten
gefördert worden seien. "Das stimmt aber nicht", sagt Edathy.