"Blockade
von Nazis ist Pflicht aller Demokraten"
Nach der Polizeirazzia unterzeichneten immer mehr Gruppen und Einzelpersonen
den Aufruf gegen "rechts". Ein Gespräch mit Stefanie Graf
Stefanie Graf ist Geschäftsführerin des Studierendenverbands Die Linke.SDS in Berlin
Die Polizei
hat am Dienstag unter anderem den Antifa-Laden "Red Stuff" in Berlin-Kreuzberg
und das Infobüro in der Landesgeschäftsstelle der Linken in Dresden
durchsucht. Dabei wurden die Blockade-Aufrufe des Bündnisses "Dresden
Nazifrei" beschlagnahmt. Wie ist das vor sich gegangen?
Gegen Mittag stürmte die Polizei ungefähr zeitgleich zwei Räumlichkeiten
von linken Organisationen, wo Plakate auslagen, die zum gemeinsamen Blockieren
des größten Naziaufmarschs Europas am 13.Februar aufriefen. Der Vorwurf
im Durchsuchungsbeschluß lautete, das Aufrufen zu zivilem Ungehorsam und
Blockaden sei ein öffentlicher Aufruf zu Straftaten.
Die Durchsuchungen
haben eineinhalb bis zwei Stunden gedauert. Sogar Computer wurden mitgenommen.
Wir finden es empörend, daß unserem Aufruf zur friedlichen Blockade
auf diese Weise begegnet wird. Dazu muß man wissen, daß diesen Aufruf
gegen rechts ein breites Bündnis unterstützt, in dem sich Gewerkschaften,
Verbände, Parteien und Jugendorganisationen gegen die immer brutaler werdende
Neonaziszene engagieren.
Wie war die
Reaktion auf diesen polizeilichen Übergriff?
Innerhalb weniger Stunden vervielfachte sich die Zahl der Unterstützer
auf der Internetseite www.Dresden-nazifrei.de. Mehr als 300 Organisationen haben
bereits unterzeichnet und rund 1300 Einzelpersonen, darunter übrigens auch
der Bürgermeister von Jena, Albrecht Schröter (SPD), und der Liedermacher
Konstantin Wecker. Wir werden so deutlich zeigen, daß antifaschistischer
Protest gegen den Nazi-Großaufmarsch in Dresden nicht kriminell ist, sondern
bitter notwendig. Diesen Aufmarsch zu blockieren, ist unser Recht und unsere
demokratische Pflicht. Wir werden uns weder von der Polizei noch von der Staatsanwaltschaft
davon abhalten lassen, zu massenhaften Blockaden mit den Mitteln des zivilen
Ungehorsams aufzurufen. In diesem Sinne hatten wir für gestern abend in
Berlin organisiert, daß die verbotenen Plakate dennoch verklebt werden.
Die Aktion wurde von Bundestagsabgeordneten der Linken, darunter Nicole Gohlke,
Cornelia Möller, Dorotheé Menzner, Karin Binder und Andrej Hunko
unterstützt. Sie wollten uns beim Plakatieren begleiten.
Sehen Sie diese
Polizeiaktion im Zusammenhang damit, daß das CDU-geführte Bundesfamilienministerium
am Dienstag verlautbart hat, erstmals Geld für "Projekte gegen linksextremistische
und islamistische Projekte" zur Verfügung zu stellen?
Repressionen gegen linke Bewegungen kennen wir schon länger, etwa von
den Durchsuchungen im Vorfeld der Proteste gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm.
Mit dem neuen Extremismus-Kurs der Bundesregierung droht sich dies weiter zu
verschärfen. Die Gleichsetzung von linker Politik mit Rechtsextremismus
ist ein Skandal. In Dresden müssen wir seit Jahren erleben, wie Nazis von
der Polizei geschützt marschieren dürfen- nun müssen wir sehen,
wie der Staat bereits im Vorfeld massiv gegen antifaschistischen Protest vorgeht.
Politisch passen die aktuellen Durchsuchungen zum neuen Kurs der Bundesregierung,
auch wenn wir nicht nachweisen können, daß es einen direkten Zusammenhang
gibt. Aber natürlich prägen solche Beschlüsse das politische
Klima in Deutschland.
Die Linke in
Hessen hat sich besonders empört: Es sei unerträglich, erklärte
sie, daß ausgerechnet nach dem brutalen Überfall von Neonazis auf
einen Bus des DGB Nordhessen im vergangenen Jahr in Thüringen nun das Bündnis
"Dresden Nazifrei" kriminalisiert wird ...
Ja, das würde ich ähnlich sehen wie Die Linke in Hessen. Bei dieser
Gelegenheit hat sich die Polizei nicht gerade sehr eifrig gezeigt - und jetzt,
wo umgekehrt Leute gegen die Nazis demonstrieren wollen, wird bereits im vorhinein
so ein Aufriß gemacht. Wir schließen daraus vor allem eines: Wir
müssen mehr Leute auf die Straße bringen als die Nazis, um zu verhindern,
daß sie ihre Präsenz in den Städten zeigen können. Je besser
wir das hinkriegen, desto eher werden die Nazis kapieren, daß sie mit
ihren rückständigen und gefährlichen Parolen auf der Straße
nichts zu suchen haben.