Welt online vom 18.01.2010
Köhler
will ihr Versprechen ein bisschen halten
von Robin Alexander
Hickhack um Kristina
Köhlers Kampf gegen den Extremismus. Medienberichten zufolge will die Familienministerin
nun doch zwei Millionen Euro für die Bekämpfung von Linksextremismus
und islamistischem Extremismus aufbringen. Dafür sollen offensichtlich
Restmittel frei gemacht werden.
Lässt die neue Familienministerin Kristina Köhler (CDU) ihrer Ankündigung,
die Extremismusbekämpfung der Bundesregierung neu auszurichten, nun Taten
folgen oder nicht?
Gestern stiftete Merkels jüngste Ministerin vor allem Verwirrung. Konkret
geht es um die Programme, mit denen die Bundesregierung Projekte gegen Rechtsextremismus
fördert - und nur gegen Rechtsextremismus. Eine Ausrichtung, die Köhler
schon als Abgeordnete kritisierte und als Ministerin zu ändern versprach:
"Wir haben uns im Koalitionsvertrag geeinigt, künftig die Programme
gegen den Rechts- und Linksextremismus und ebenso gegen den islamischen Extremismus
auszurichten", sagte sie WELT ONLINE noch im Dezember: "Das werde
ich umsetzen."
Doch davon kann keine Rede sein. Im Haushaltsentwurf des Familienministeriums
für 2010, der wegen der Bundestagswahl erst heute im Parlament eingebracht
wird und WELT ONLINE vorliegt, werden vielmehr die Mittel zur Extremismusbekämpfung
fortgeschrieben.
Insgesamt 24 Millionen Euro sind für die Programme gegen rechts vorgesehen.
Wie im Vorjahr. "Wir gehen, vorbehaltlich der Zustimmung des Parlaments,
davon aus, dass der Haushalt so beschlossen wird", sagte eine Sprecherin.
Damit schien sich Köhler dem enormen öffentlichen Druck gebeugt zu
haben. Nach ihrer Ankündigung, die Extremismusbekämpfung neu auszurichten,
zürnten nämlich nicht nur die grüne Vorsitzende Claudia Roth
und einige Sozialdemokraten.
DGB-Chef Michael Sommer hatte die Familienministerin wegen ihrer Pläne
quasi zur Persona non grata erklärt: "Köhler wurde bisher nicht
eingeladen. Und das wird sie in der nächsten Zeit auch nicht." Allerdings
warnte auch das Bundeskriminalamt angesichts vieler rechter Gewalttaten davor,
Maßnahmen gegen den Rechtsextremismus zu reduzieren, wie es bei einer
Umwidmung eines Teils der Mittel in Programme zwangsläufig der Fall gewesen
wäre.
Nachdem WELT ONLINE diese Nachricht bekannt gemacht hatte, gab es eine plötzliche
Entwicklung. Die "Financial Times" teilte mit, Köhler wolle nun
doch zwei Millionen Euro für die Bekämpfung von Linksextremismus und
islamistischem Extremismus aufbringen.
Dies solle aus Restmitteln geschehen, die im Jahr 2009 nicht abgerufen wurden.
Die Ministerin lässt sich so zitieren: "Es gibt in Teilen eine Tendenz
zur Verharmlosung von Linksextremismus, der gern als Chaotentum abgetan wird."
Die neuen Mittel tauchen durchaus überraschend auf. WELT ONLINE hatte eine
Sprecherin noch mitgeteilt: "Es gibt neue Entwicklungen im Bereich des
islamistischen Extremismus und des Linksextremismus. Entsprechend müssen
auch die Präventionsprogramme des Bundes laufend evaluiert und weiterentwickelt
werden." Von konkreten Zahlen war nicht die Rede. Das Ministerium hat auf
weitere Nachfragen nicht reagiert.
Als Abgeordnete hatte die Ministerin noch forscher geklungen: Ein Teil der Millionen
gegen rechts solle künftig zur Bekämpfung des Islamismus verwendet
werden, erklärte sie 2006. "Beide Phänomene sind etwa gleich
groß und gleich gefährlich.
Dies sollte bei der Verteilung der Mittel berücksichtigt werden."
Damals verwahrte sich Köhler sogar explizit gegen den Vorschlag, die Mittel
nicht umzuwidmen, sondern aufzustocken, wie es jetzt geschehen soll: "Woher
soll das Geld denn kommen?", fragte sie damals.