ddp vom 15.01.2010
Mobit: Zahl
rechtsextremer Aktivitäten 2009 "besorgniserregend"
412 Fälle in Thüringen - Forderung nach Landesprogramm gegen Rechtsextremismus
Erfurt (ddp-lth).
Die Zahl der rechtsextremen Aktivitäten im Freistaat ist im vergangenen
Jahr nach Angaben der Initiative "Mobile Beratung in Thüringen für
Demokratie - gegen Rechtsextremismus" (Mobit) erneut gestiegen. In 2009
wurden 412 rechtsextreme Aktivitäten gezählt, 2008 seien noch 348
rechtsextreme Aktivitäten wie Konzerte, Parteiveranstaltungen, Gewalttaten
oder Aufmärsche erfasst worden, sagte Mobit-Berater Uwe Schubert am Freitag
in Erfurt. Das sei ein "besorgniserregender Höchststand", seit
Mobit 2005 angefangen habe, die Fälle in einer Chronik zu sammeln. Angesichts
der Zahlen werden in Thüringen erneut Rufe nach einem NPD-Verbot und einem
Landesprogramm gegen Rechtsextremismus lauter.
Für den Höchststand nannte Schubert vor allem drei Gründe: So
seien die Rechtsextremen im Wahljahr stärker in der Öffentlichkeit
aufgetreten. Weiterhin habe sich in Kirchheim im Ilmkreis ein neuer Szenetreff
etabliert, wo Konzerte und auch NPD-Parteitage stattgefunden hätten. Die
Möglichkeit der Kommune hier einzugreifen sei begrenzt, da sich das Grundstück
im privaten Besitz befinde.
Außerdem sei die Zahl der Musikveranstaltungen 2009 auf 34 gestiegen.
In den Vorjahren habe diese immer bei 25 Veranstaltungen gelegen. Die Zunahme
hänge auch damit zusammen, dass die polizeilichen Repressionen gegen die
Veranstalter nachgelassen hätten. Ein Sprecher des Innenministeriums wies
dies jedoch als "frei erfunden" zurück. Mit solchen Aussagen
gefährde Mobit "den notwendigen breiten gesellschaftlichen Konsens
bei der Bekämpfung rechtsextremistischer Umtriebe".
Die Zahl an rechtsextremen Aktivitäten gibt laut Schubert allerdings nur
einen "Ausschnitt der Realität" wieder. Die Dunkelziffer liege
weitaus höher. In die Mobit-Auswertung gingen vor allem Medienberichte,
Augenzeugenberichte und auch Veröffentlichungen der Rechtsextremen selbst
ein.
Mobit-Chef Steffen Lemme forderte die Landesregierung angesichts der Zahlen
auf, in den Bemühungen für ein NPD-Verbot "nicht nachzulassen".
"In der Frage des Verbotes der rechtsextremen Partei hat der neue Innenminister
Huber meine volle Unterstützung", sagte Lemme. Peter Huber (CDU) hatte
sich zu Wochenbeginn in einem ddp-Interview für ein NPD-Verbot ausgesprochen.
Außerdem forderte Lemme die Umsetzung des in der Koalitionsvereinbarung
zwischen CDU und SPD beschlossenen Landesprogrammes gegen Rechtsextremismus.
Auch noch den Linksextremismus in dieses Programm aufzunehmen, wie es Teile
der CDU fordern, bezeichnete er als "abwegig". Der Rechtsextremismus
sei die "entscheidende Gefahr" im Land.
Die Linke-Fraktion im Landtag unterstützte die Forderungen von Mobit. Wenn
Mobit Alarm schlage, müssten dieses Signal in der Landesregierung gehört
werden und endlich den Absichtserklärungen Taten folgen, sagte Innenexpertin
Martina Renner. Der Anstieg rechtsextremer Aktivitäten lasse kein weiteres
Zögern bei der Vorlage eines Landesprogrammes mehr zu. Mit dem Programm
müssten vor allem die zivilgesellschaftlichen Kräfte in den Regionen
gestärkt werden.
Der SPD-Politiker Peter Metz sagte, das Landesprogramm werde kommen, hier sei
die CDU in der Pflicht. Das Programm sei nicht nur wegen der gestiegenen Zahlen
notwendig, sondern auch, weil der Resonanzboden von rechten Taten auch in der
Mitte der Bevölkerung groß sei. Dies belegten die Zahlen des Thüringen
Monitors. Wichtig ist Metz zufolge, dass das Landesprogramm einen großen
präventiven Teil enthält und gesellschaftliches Engagement in den
Regionen unterstützt.