"Thüringentag der nationalen Jugend": Schulterschluss des Arnstädter Bürgermeisters mit Neonazis
Für den "Thüringentag
der nationalen Jugend" am 13. Juni 2009 im thüringischen Arnstadt
haben die rechtsextremen Videoaktivisten "Media-Pro-Patria" einen
Mobilisierungs-Filmclip erstellt. Eine Äußerung von Angela Merkel
wird darin missbraucht, um für den Thüringentag zu werben. Sie wird
mit einem Aufruf zu einer "gemeinsamen nationalen Kraftanstrengung"
zitiert, passend zum Mobilisierungsmotto des Tages: "Es herrscht Aufruhr
im Paradies
Jugend voran - gemeinsam überwinden wir jede Krise",
das sich gegen Kapitalismus und Wirtschaftskrise richtet.
Dazu erklärt Timo Reinfrank, Koordinator der Amadeu Antonio Stiftung: "Die
Veranstaltung ist eines der zentralen Szenetreffen für Neonazis, NPD-Kader
und Aktivisten der 'Freien Kameradschaften' aus der ganzen Bundesrepublik. Öffentliche
Aufmerksamkeit und zivilgesellschaftlicher Gegenprotest ist dringend von Nöten!"
Die Neonazis treffen sich in diesem Jahr zum achten Mal. Früher hat das
Treffen hauptsächlich die NPD organisiert, heute wird es aus dem Umfeld
von "Blood & Honour" angemeldet. Die Organisatoren sprechen von
den "parteifreien Kräften". Die Infostände rechtsextremer
Schulungszentren und Kameradschaften sowie Bühnen mit Rechtsrockbands werden
auf dem zentralsten Platz im Ort stehen. Das Kinderprogramm reicht von Hüpfburg,
Sackhüpfen bis zu Basteln mit Perlen. Problemlos bekamen die Nazis eine
Genehmigung dafür. Die Stadt veranstaltet in wenigen hundert Meter Entfernung
zum "Thüringentag der nationalen Jugend" ein traditionelles "Schlossfest"
mit Musikbühne und Kunsthandwerk.
"Schulterschluss mit den Rechtsextremen"
Dazu erklärt Reinfrank: "Das Schlossfest und die Ignoranz des Arnstädter
Bürgermeister Hans-Christian Köllmer erweckt den Eindruck eines Schulterschlusses
mit den Rechtsextremen. Ich finde es vollkommen unverständlich, dass dieser
Bürgermeister wieder gewählt worden ist".
Den mehrheitlichen Beschluss des Stadtrats, eine Gegenkundgebung zu veranstalten,
ignorierte Köllmer (Pro Arnstadt). Zur Rede gestellt, verkündete der
Bürgermeister laut "Freies Wort" vom 16. Mai 2009 während
einer Stadtratssitzung: "Manche könnten von mir sagen: Vielleicht
ist er ein bisschen Nazi. Ich sage Nein! Im Nazi ist mir zu viel Sozialismus
drin." Auf seiner Homepage zeigt er sich mit "seinem Freund",
dem FPÖ-Politiker Siegfried Kampl, der schon seit Jahrzehnten mit neonazistischen
und hitlerverehrenden Aussagen in die Öffentlichkeit tritt, sowie mit dem
verstorbenen österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider.
Amadeu Antonio Stiftung unterstützt demokratische Proteste
Die Proteste gegen den "Thüringentag" werden im Rahmen der Kampagne
"Kein Ort für Neonazis" von der Amadeu Antonio Stiftung unterstützt
- von einem Antifaschistischen Bündnis sowie der städtischen Arbeitsgemeinschaft
"Demokratie braucht Zivilcourage". Doch daran wird sich Bürgermeister
Köllmer nicht beteiligen, wie er gegenüber der Thüringer Allgemeinen
am 8. Juni 2009 bekräftigte.
Rechtsextremismus stellt in Thüringen ein gravierendes Problem da. Das
hat sich bei den Kommunalwahlen gezeigt, wo die NPD in jedem Wahlkreis ins Parlament
einziehen konnte, bei dem sie sich zur Wahl gestellt hat - in manchen Gemeinden
sogar mit zweistelligen Prozentzahlen. In der thüringischen Kleinstadt
Arnstadt (Kreis Ilm) ist die NPD nicht angetreten, die rechtskonservative Freie
Wählergemeinschaft Pro Arnstadt hat allerdings 30,6 Prozent der Stimmen
erhalten - trotz der dubiosen Haltung des Bürgermeisters zum "Thüringentag".
Demokratische Gegenproteste
Eine Kundgebung gegen den "Thüringentag der Nationalen Jugend"
findet am 13. Juni ab 10 Uhr am Straßburg-Kreisel vor der Schlossmauer
statt. Um 12 Uhr gibt es eine antifaschistische Demonstration vom Hauptbahnhof
aus, danach ab 14.30 Uhr eine Dauerkundgebung auf dem Marktplatz.