Die
netten Nazis von nebenan
Studenten in der NPD
Der thüringischer
Gymnasiallehrer Burkhard Durner muss zusehen, wie ehemalige Schüler als
Kandidaten der NPD einen rassistischen Wahlkampf führen. VON SEBASTIAN
ERB
Als er den Namen im Impressum las, musste er sich erst mal setzen. Es war ein
Schock. Er dachte an den blassen Schüler, der nie besonders in Erscheinung
getreten war. Und dieser ehemalige Schüler schrieb nun Ende 2006 für
den Wartburgkreis-Boten. Diese Zeitung nennt sich zwar "Unabhängiges
Mitteilungsblatt für Eisenach und Umgebung", ist aber eine Postille
aus dem engen Dunstkreis der NPD.
Burkhard Durner, 57, Lehrer für Sport und evangelische Religion am Dr.-Sulzberger-Gymnasium
in Bad Salzungen, Thüringen, stellt sich seither die Frage: Wie kann ein
normaler, intelligenter Junge so abdriften? Die Antwort auf seine Frage hat
Durner bis heute nicht gefunden. Aber er ist sicher, dass er etwas tun muss.
Gerade in diesem Jahr.
Seit Juni sitzt Tobias Kammler zusammen mit Hendrik Heller, ebenso ein ehemaliger
Schüler des Gymnasiums, für die NPD im Kreistag des Wartburgkreises.
Jetzt treten sie für die rechtsextreme Partei bei den Landtagswahlen am
30. August an. Heller steht auf Platz acht der Liste. Kammler auf Platz sieben,
sollte er nicht Abgeordneter werden, will er Fraktionsmitarbeiter werden.
Für die NPD ist es eine wichtige Wahl - es wird sich zeigen, ob sie es
schafft, in der ostdeutschen Provinz weiter Fuß zu fassen, um sich eine
wichtige Geldquelle zu erschließen. Dass die NPD in Thüringen zum
ersten Mal die Fünfprozenthürde knacken wird, ist nicht unwahrscheinlich.
Das macht nicht nur Burkhard Durner Angst.
Bad Salzungen ist eine gemütliche Kurstadt: 16.000 Einwohner, 20 Autominuten
bis nach Hessen, die Arbeitslosigkeit liegt unter dem Landesdurchschnitt. In
der Stadtmitte stehen ein paar sanierte Fachwerkhäuser, weiter draußen
ragen bunt angestrichene Wohnklötze aus Beton in den Himmel.
Tobias Kammler fährt in einem weißen VW Passat Kombi vor: getönte
Scheiben, vorn hängt ein Duftbäumchen in Schwarz-Rot-Gold. Hendrik
Heller wartet schon auf dem Parkplatz des Berufsbildungszentrums. Er hat einen
Karton CDs mitgebracht. "BRD vs. Deutschland" steht auf dem Cover.
Neun Rechtsrock-Songs sind darauf und ein Interview mit Michael "Lunikoff"
Regener, dem ehemaligen Frontmann der Band "Landser", die als kriminelle
Vereinigung gilt und deshalb verboten wurde. Mit Musik will die NPD junge Wähler
erreichen.
Schulschluss in der Berufsschule. Heller und Kammler verteilen die CDs auf dem
Hof. Ein paar der Schüler sagen "Nein", viele nehmen sie mit,
teils interessiert, teils gleichgültig. "Die NPD?", fragt eine
junge Frau und zuckt mit den Schultern. "Ich schaue keine Nachrichten."
Inzwischen hat jemand dem Lehrer Bescheid gesagt. Der lässt sich eine CD
geben und verweist die beiden vom Schulgelände. Mehr könne er nicht
tun, sagt er. Die Kandidaten trollen sich.
Sie werden weiter durch den Kreis ziehen und ihren Wahlkampfstand mit Sonnenschirm
aufbauen. Sie werden den Leuten einen Stapel buntes Papier in die Hand drücken,
ihnen zuhören und versichern: Wir verstehen Sie.
Im Gymnasium in Bad Salzungen schüttelt Burkhard Durner den Kopf. Er versteht
vieles nicht. Seit 28 Jahren unterrichtet er an der Schule und genauso lange
fährt er mit Schulklassen nach Polen, Tschechien, Ungarn und Litauen. In
diesem Jahr kamen zum Jugendcamp auch zwei Gruppen aus Israel. Das sei doch
gelebte Völkerverständigung und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit,
sagt Durner - und trotzdem findet rechtes Gedankengut den Weg in die Klassenzimmer.
Durner hat den Anstoß gegeben, dass das Dr.-Sulzberger-Gymnasium eine
"Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" wurde. Ministerpräsident
Dieter Althaus ist Schirmherr der Aktion. Zugleich mussten 70 Prozent der Schüler
und Lehrer dafür unterschreiben, sich künftig gegen jede Form von
Diskriminierung an ihrer Schule einzusetzen. Seither gibt es mindestens einmal
im Jahr einen Projekttag zum Thema Rechtsextremismus. Und Durner hat sich vorgenommen,
tagtäglich besser auf seine Schüler zu achten.
Aber kann er wirklich wissen, welche Einstellung seine Schüler haben? Wie
viele sind vielleicht in einer rechtsextremen Kameradschaft aktiv? "Im
Nachhinein ist man immer schlauer", sagt er und erinnert sich daran, dass
Tobias Kammler schon mal mit extremistischen Ansichten aufgefallen ist. Hendrik
Heller nannten sie in der Klasse manchmal "den Führer", erzählt
ein Mitschüler. "Aber nur aus Spaß." Und Durner erinnert
sich an einen Theaterabend in der Schulaula vor vier Jahren. Der Deutschkurs
der zwölften Klasse führte Shakespeares "Sommernachtstraum"
auf. Heller spielte auf der Bühne eine größere Rolle. Durner
fiel damals dessen Leidenschaft beim Spielen auf, die Freude beim Reden. Heute
sagt Durner: Er suchte die Bühne. Und er fand sie bei der NPD.
Hendrik Heller und Tobias Kammler, beide 23, schlossen sich im Alter von 15
Jahren der rechtsextremen "Freien Kameradschaft" an, beide sitzen
heute im Kreisvorstand und im Landesvorstand der NPD Thüringen. Beide studieren,
Kammler Staatswissenschaften in Erfurt, Heller Agrarwissenschaften in Halle.
Beide sind adrett gekleidet. Beide erfüllen keines der Klischees, das man
von Neonazis hat.
"Ich habe nie eine Glatze gehabt, ich habe nie Springerstiefel getragen",
sagt Kammler. Körperliche Gewalt lehne er persönlich ab. Ob das stimmt
oder nicht, spielt keine große Rolle, wenn man weiß, dass in der
Thüringer NPD genügend Mitglieder wegen Gewaltdelikten vorbestraft
sind. Wenn man sich mit Kammler unterhält, schaut er einem nicht in die
Augen. Seine Augen blicken nach vorn, als sei dort ein Teleprompter, von dem
er seine Sätze abliest.
Er erzählt davon, wie er in einem kleinen Dorf aufgewachsen sei, "wo
das deutsche Vaterland noch intakt war". Wie er als Zwölfjähriger
nach Bad Salzungen gezogen sei. Wie ihm klar geworden sei, dass man "gegen
die Ausländer im Ghetto etwas unternehmen muss". Er verteilte Flugblätter,
reiste am Wochenende zu Schulungen und Demonstrationen. Der Beginn einer rechtsextremen
Karriere.
Heute gilt für ihn der Gleichheitsgrundsatz "nur für Deutsche
in Deutschland". Vor allem "fremde Kulturvölker wie Türken
oder Araber" bedrohten die Sicherheit und die deutsche Kultur. Man müsse
sie in ihre Heimat "rückführen", notfalls mit Gewalt. Wer
Deutscher sei, definiere sich nicht über den Pass, sondern ausschließlich
über die Blutzugehörigkeit zum "deutschen Volk". Deshalb
könne auch ein Schwarzer niemals Deutscher sein. "Ich kann einem Schwein
einen Pferdepass ausstellen, es vier Wochen in einem Pferdestall leben lassen,
und trotzdem wird es kein Pferd."
Es sind aber nicht unbedingt ausschließlich diese offen rassistischen
Sätze, die bei den Leuten ankommen. Denn die NPD setzt sich auch für
Dorfläden ein, organisiert Kinderfeste und gibt Nachhilfe. Sie thematisiert
gesellschaftliche Probleme: Zu wenig Ausbildungsplätze für Jugendliche
oder schlechte Bus- und Bahnverbindungen. Darüber, gepaart mit Kapitalismuskritik
und gepfeffert mit Vorurteilen sowie Feindbildern, schreiben sie im Wartburgkreis-Boten
- der eigenhändig verteilt wird an alle Haushalte.
Den Rechtsextremisten ihre bürgerliche Maske abreißen, das will Burkhard
Durner. "Eigentlich müsste man sie auf Podien einladen und zeigen,
was sie für Unsinn reden", sagt er. Und weiß genau, dass das
viele anders sehen. Als er beim ersten großen Projekttag Heller und ein
anderes NPD-Mitglied zu einem Gespräch in kleiner Runde einlud, wurde ihm
Appeasement-Politik vorgeworfen.
Aber Durner ist ein Kämpfer. Er ist Präsident des 1. TSV Bad Salzungen
1990 e. V., gibt jeden Nachmittag Training. Zu Hause wird gebaut, seine Eltern
sind Pflegefälle. Er ist ein kräftiger Mann mit Pranken und Halbglatze;
wenn er sich aufregt, überschlägt sich seine Stimme. Sein Vorbild
sei Dietrich Bonhoeffer, sagt er. Vielleicht kommt daher seine Kraft.
Womöglich hätte Durner trotzdem schon aufgegeben, stünde nicht
der Schulleiter hinter ihm. Beide sind überzeugt davon, dass man die Argumente
der Rechtsextremen kennen muss, um sie zu entkräften. "Da sie jetzt
im Kreistag sitzen, werden sie Themen aufzwingen. Man muss mit ihnen diskutieren",
sagt der Schulleiter. Durner und er duzen sich, sie kennen sich schon lange.
Und manchmal fragen sich der Burkhard und der Helmut, ob sie eigentlich genug
unternehmen.
Müssten sie die Eltern nicht viel stärker einbeziehen? Aber wie politisch
dürfen sie sich überhaupt zeigen? Und wie können sie die Kollegen
motivieren, die alles für überflüssig halten? "Fehler macht
der, der nichts macht", sagt Durner. Und: "Wahrscheinlich tut die
ganze Gesellschaft viel zu wenig." Er hält inne.
Richtet er seinen Blick im Schulleiterbüro geradeaus, sieht er in einer
Schrankwand ein paar Dutzend Pokale, vor allem vom Volleyball. Viermal in den
vergangenen zehn Jahren erreichte er mit einer Schulmannschaft das Bundesfinale
von "Jugend trainiert für Olympia". Das waren große Erfolge
- wie wird wohl der Kampf gegen Rechts ausgehen?
Durner glaubt nicht, dass er Heller und Kammler "zur Besinnung bringen
kann", wie er es nennt. Aber er will verhindern, dass die jetzigen Schüler
ihnen nacheifern.
Die NPD-Kandidaten haben angekündigt, auch vor dem Dr.-Sulzberger-Gymnasium
ihre "Schulhof-CDs" zu verteilen. Durner und der Schulleiter werden
genau beobachten, wie viele Schüler die CDs empört zurückweisen.
Das wird ein Gradmesser für ihren Erfolg sein.