Polizeigewerkschaft wegen NPD-Kommentar unter Druck
Todesstrafe für Kindsmörder? "Logisch". Ein Kommentar in der Gewerkschaftszeitung der thüringischen Polizei zeichnet ein wohlwollendes Bild der NPD. Die Gewerkschaft distanziert sich, doch auch Kritiker aus den eigenen Reihen fordern Konsequenzen.
Erfurt - Thüringens
Polizeigewerkschaft unter Druck: Grund ist ein NPD-freundlicher Kommentar eines
Polizisten. Obwohl eine Forderung nach Todesstrafe für Kindermörder
"dem modernen Deutschen wesensfremd" geworden sei, müsse man
der NPD-Forderung nach härteren Strafen "aus logischer Sicht beipflichten",
schrieb Heiko Timmer in der Oktoberausgabe des thüringischen "Polizeispiegel",
der Mitgliederzeitung der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Weiter heißt
es: Der NPD schade das Image, das ihr "von allen Seiten angedichtet werde".
Das sind zwei der acht kritischen Sätze in dem zweiseitigen Kommentar,
der den Ausgang der Landtagswahl in Thüringen behandelt. Der Autor untersucht
darin die Programme der einzelnen Parteien auf Investitionen für Polizei
und innere Sicherheit. Dabei nennt er die NPD in einer Reihe mit anderen Parteien,
räumt ihr rund fünfmal mehr Raum als zum Beispiel der SPD. Der Autor
pflichtet den Forderungen der rechtsextremen Partei nach mehr Präsenzpolizei
zur Bekämpfung von Korruption und Gesetzesverletzungen in weiten Teilen
bei und zitiert aus einer NPD-Wahlkampfzeitung.
"Keinen Zweifel an unserer Distanz lassen"
Die Entrüstung über den Artikel ist groß. "Ich bin völlig
empört über die fehlende Distanz zu Rechtsradikalen", sagte Reiner
Wendt, Bundesvorsitzender der DPolG, SPIEGEL ONLINE. "Die Redakteure sind
zwar ehrenamtlich tätige Gewerkschafter, aber das entschuldigt kein unprofessionelles
Vorgehen." Die Polizisten würden extra geschult und weitergebildet.
"Gerade bei der Polizei müssen wir sensibel mit solchen Themen umgehen
und dürfen keinen Zweifel an unserer Distanz zu rechtsradikalen Parteien
lassen", sagte Wendt. Er betonte, dass die Polizeigewerkschaft für
Weltoffenheit stehe, unabhängig von Parteipolitik und das Gespräch
mit allen politischen und demokratischen Parteien in der Mitte der Gesellschaft
suche.
Die presserechtliche Verantwortung jedoch trägt der Vorsitzende der Thüringer
Polizeigewerkschaft, Jürgen Hoffmann, wenn auch nicht für die Meinungen
einzelner Autoren. Denn die Zeitung der Polizeigewerkschaft setzt sich aus einem
Mantel zusammen, der bundesweit einheitlich ist und einem Teil, der in den einzelnen
Bundesländern geschrieben wird. Im Thüringer Teil ist der Kommentar
von Timmer erschienen.
Rücktritt des Thüringer Landesvorsitzenden gefordert
Deshalb hat der Bundesvorsitzende Wendt den Thüringer Vorsitzenden auch
ermahnt, künftig jeden Artikel zu prüfen. "Tippfehler können
vorkommen, aber keine Fehler in einem politisch so sensiblen Bereich. Das habe
ich dem Landesvorsitzenden so in aller Deutlichkeit gesagt", sagte Wendt.
Thüringens Innenminister Manfred Scherer (CDU) sagte, die Ausführungen
des Polizisten seien "in keiner Weise akzeptabel". Der thüringische
SPD-Landtagsabgeordneter Heiko Gentzel fordert gar den Rücktritt Hoffmanns.
Die Distanzierung und das "Bauernopfer" - der Rücktritt des Verfassers
aus der Redaktion- reichten nicht aus.
Die Gewerkschaft wollte den Polizisten ebenfalls loswerden. Timmer kam ihr zuvor,
indem er an diesem Donnerstag austrat. Hoffmann fordert zudem berufliche Konsequenzen.
Dafür wolle er sich bei dem Polizeichef einsetzen. Die Möglichkeit
einer Anklage wegen Dienstvergehens werde geprüft. "Wir können
so ein Mitglied nicht in der Gewerkschaft und in der Polizei dulden", sagte
Hoffmann. "Auch die Polizei hat sich rechtsstaatlich zu benehmen, rechtsradikales
Gedankengut gehört nicht in unsere Reihen."
Autor zeigt kein Verständnis für Kritik
Sich selbst sieht Hoffmann nicht in der Schuld. "Timmer hat mich hintergangen,
ich habe den Artikel vorher nicht gesehen", erklärt Hoffmann. "Es
ist bedauerlich und erschreckend, was passiert ist." Er werde nun in Zukunft
jeden Artikel vor der Veröffentlichung prüfen, auch wenn es nur ein
Einzelbeispiel gewesen sei. "Wir waren im Vorstand völlig überrascht
über seinen plötzlichen Auffassungswechsel."
Der Autor des umstrittenen Kommentars übernimmt zwar die Verantwortung
für sein Schreiben, zeigt aber kein Verständnis für die Kritik.
Am Donnerstag hat er einen Brief an viele seiner Kollegen geschickt, in dem
er sich nicht von seinen Aussagen distanziert und jeden der insgesamt acht kritischen
Sätze einzeln prüft und für richtig befindet.
Darin heißt es unter anderem: Dass der NPD ihr Image schade, was der Partei
von allen Seiten angedichtet werde, solle nicht heißen, dass die NPD dieses
Image zu Unrecht verdiene. Er habe lediglich versucht, neutral zu formulieren,
um möglichen Beschwerden vorzubeugen.
Er empfinde nicht den Beitrag als Skandal, sondern die Reaktion von Politik
und Medien. In dem Schreiben heißt es weiter, er sehe keinen Anlass zu
weiteren Debatten und bittet, von weiteren Anfragen abzusehen.