Ostthüringer Zeitung vom 29.07.2009
Erinnerungslücken
zum Überfall auf einen Punk
Prozess gegen Rechte hat in Gera begonnen
Die Mutter hält es nicht lange aus. Fassungslos sitzt sie im Saal 218 des Amtsgerichts Gera. Sie hört, wie Patrick* erzählt, was in jener Nacht vom 9. auf den 10. Februar 2008 vor der Stadthalle Berga passiert sein soll. Ihr Sohn Nico* soll provoziert haben, er soll Patrick zu nahe gekommen sein, dann einen Schritt nach hinten gemacht haben und schließlich umgefallen sein "wie ein Brett". Ein Unfall. So schildert es Patrick. Nicos Mutter muss den Verhandlungsraum verlassen. Es wird nicht das einzige Mal sein in der knapp dreistündigen Hauptverhandlung.
Zwei junge Männer im Alter von 19 Jahren müssen sich seit gestern vor dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichts Gera verantworten. Ihnen wird schwere Körperverletzung vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft schließt auch einen politischen Hintergrund nicht aus. Denn Nico trägt die Haare wild, einzelne Dreadlocks, Farbe. Er mag lässige Turnschuhe, eine Hose mit Loch. Ein linksalternativer Jugendlicher. Die Täter hingegen hätten durch ihr Äußeres ihrer rechtsextremen politischen Anschauung zum Ausdruck bringen wollen, liest Staatsanwalt Jens Wörmann aus der Anklage vom Frühjahr 2009 vor. Auch Heike Kleffner von der mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt bestätigt auf Nachfrage dieser Zeitung, dass die beiden Männer aus der Szene kommen. Sie stützt sich unter anderem auf Internet-Recherchen.
Ähnliche Beweise führt auch Carsten Gericke, Anwalt der Nebenklage, ins Feld. In Internetportalen hat er Informationen über die beiden Angeklagten Patrick und Ronny* gefunden. Darin sollen sie Auskunft geben über ihre Vorliebe für rechte Musikgruppen und Mitglied sein in einer Internetgruppe namens "TNT - unsere Partys sind die besten". Das Kürzel TNT stehe für "Teich´dorfer Nazitruppe" wird später eine Zeugin dem Vorsitzenden Richter Norbert Wilhelm erklären. Die 19-Jährige verkehrte nach eigenen Aussagen bis vor einem Jahr selbst in der Szene. Sie hat Patrick angezeigt, weil er sie im vergangenen Sommer am Telefon und per SMS beleidigt haben soll.
Die Internet-Beweise hingegen wollten die Verteidiger Manfred Hans und Udo Freier nicht anerkennen, solange sie nur mündlich vorgetragen sind. Das Gericht sei keine Zirkus-Show, bei der man Beweise aus dem Ärmel schütteln könne, so Freier. Seinen Mandanten Ronny schirmte der Rechtsanwalt vom Prozessgeschehen ab. Der junge Mann mit dem weißen Hemd nahm weder Stellung, noch beantwortete er Fragen.
Aber schwer belastet wurden die beiden Angeklagten von einem 22-Jährigen. Der Zeuge hatte in der Tatnacht als Parkplatzwächter gearbeitet und den Zwischenfall miterlebt. Er habe beobachtet, wie ein junger Mann sich dem Opfer genähert, ihn beleidigt und dann zum Schlag ausgeholt habe. Welcher der Angeklagten dies gewesen sei, daran könne sich der Mann nicht erinnern. Die Verteidigung hielt dem 22-Jährigen nach seiner Aussage vor Gericht Widersprüche zu seiner polizeilichen Vernehmung vor. Anderthalb Jahre nach dem Vorfall behindern Erinnerungslücken die Rekonstruktion der Geschehnisse. Die schleppende juristische Aufarbeitung hatten bereits im Vorfeld des Prozesses die Opfervereine scharf kritisiert. "Der Sinn des Jugendgerichts ist doch eine zeitnahe Strafe, damit sich der Beschuldigte seine Gedanken machen kann", sagt Heike Kleffner von der mobilen Beratung.
Sie greift während des Prozesses oft nach der Hand von Nicos Mutter. Der 21-Jährige selbst nimmt neben seinem Anwalt Platz. Er wirkt gefasst. Doch die Folgen jener Februarnacht spürt er noch immer: Er leidet unter einer Lähmung im Auge und kann den linken Arm und das linke Bein nur eingeschränkt bewegen.
Der Prozess wird fortgesetzt. Ein Urteil soll am 23. September fallen.