Ostthüringer Zeitung vom 28.09.2009
Ursachensuche
in Dörfern wegen NPD-Wahlergebnis
In Friedebach erneut zweistellige Prozentzahl
"Partnergemeinden
Friedebach - Solkwitz" heißt es auf gelb leuchtenden Schildern im
Herzen beider Orte. Seit knapp fünf Jahren wird damit signalisiert, dass
sich die Einwohner auf Initiative der Feuerwehrvereine gegenseitig zu den Dorffesten
besuchen. Doch an Wahltagen gibt es einen gravierenden Mentalitätsunterschied:
Während in Solkwitz bei den vergangenen zwei Wahlen niemand ein Kreuz bei
der NPD machte, erzielte die rechtsextreme Partei zur Landtagswahl mit 17,4
Prozent in Friedebach einen ihrer Spitzenwerte in Thüringen. Zur Bundestagswahl
am Sonntag lag dieser mit 12,5 Prozent der Zweitstimmen immer noch deutlich
über dem Wahlkreisdurchschnitt (4,1%). "Warum das so ist, kann ich
mir nicht erklären. Ich bin nur froh, dass bei uns niemand NPD gewählt
hat", sagte der ehrenamtliche Solkwitzer Bürgermeister Reinhard Schaar
(FDP) gestern.
An der Wahlwerbung kann es nicht gelegen haben. In Solkwitz war zur Landtagswahl
am Sonntag kein einziges Wahlplakat zu sehen, in Friedebach lediglich zwei der
Partei Die Linke.
"Friedebach ist kein vergessenes Dorf. Auch dieser Ortsteil liegt mir und
dem Gemeinderat sehr am Herzen", sagte der Krölpaer Bürgermeister
Lothar Detko (parteilos) gestern auf OTZ-Anfrage. Abgesehen vom Straßenbau
sei in der 130-Seelen-Gemeinde in den vergangenen Jahren in Friedebach viel
passiert, betonte er, weshalb er keine kommunalen Gründe für Protestwähler
nachvollziehen könne. In Gesprächen mit Einwohnern seit der Landtagswahl
Ende August hätten angesprochene Friedebacher ihm, Verwaltungsmitarbeitern
und Gemeinderäten gegenüber geäußert, dass sie sich das
Zustandekommen dieses Abstimmungsergebnisses im Ort nicht erklären könnten.
Friedebach ist kein Einzelbeispiel. Auch in anderen ruhigen, idyllisch gelegenen
Gemeinden des früheren Kreises Pößneck gab es zur Landtagswahl
zweistellige NPD-Ergebnisse, so z.B. in Gössitz (12,4 %) und Grobengereuth
(11,9 %). Aber auch in einem Stadtteil von Neustadt wurde die Zehn-Prozent-Marke
geknackt, in Pößneck knapp unterschritten, ebenso in weiteren Gemeinden
wie Rosendorf. Mancherorts haben sich die NPD-Anteile bei der Bundestags- im
Vergleich zur Landtagswahl etwas minimiert ( Wahllokal-Überblick im gestrigen
OTZ-Lokalteil).
"Eine rechte Szene unter Jugendlichen in Friedebach ist den Behörden
nicht bekannt", versicherte Landrat Frank Roßner gestern. Die SPD,
deren Kreisvorsitzender er ist, lag in diesem Dorf zur Landtagswahl 4,4 Prozentpunkte
hinter der NPD, am vergangenen Sonntag holten beide Parteien jeweils 12,5 Prozent.
"Wenn in so bevölkerungsarmen Gemeinden zwei Familien auf einmal aus
Protest NPD wählen, können solche Ergebnisse zustanden kommen",
versuchte der Landrat zu erklären. Auch weiß er von Besuchen bei
Jubiläen älterer Menschen, dass manche Senioren "die Nazi-Zeit
sehr unkritisch sehen". Dennoch: Ein treffender Grund, weshalb wiederholt
zweistellige NPD-Ergebnisse zustandekommen, fällt dem obersten Chef der
Kreisverwaltung nicht ein. Probleme mit DSL oder Straßen gebe es auch
in anderen Orten. "Auch Politiker machen Fehler und es wird keine Politik
geben können, mit der alle Menschen zufrieden sind. Doch kein Grund rechtfertigt
die Wahl von Neonazis", mahnte Roßner. Der Kampf gegen Rechts solle
fortgesetzt werden. Ein Erfolg sei, dass im Landkreis keine Neonazis für
die Kommunalparlamente kandidiert hätten, sagt er am Telefon.
In Friedebach ist es am Montagnachmittag sehr ruhig im Ort. Drei Jungs spielen
auf der Straße, sonst sieht man niemand weit und breit. Außer Harry
Kind. Der 76-jährige Rentner sitzt an der Bushaltestelle auf der Bank und
schaut seinen Tieren auf der gegenüberliegenden Weide zu. "Die Friedebacher
waren schon immer ein eigenes Völkchen." So sei die Aufschrift "Freistaat
Friedebach" in den Autoheckscheiben inzwischen mehr als nur Werbung für
das alljährliche Sommerfest. Geklagt werde im Ort, dass die Straße
nach Langenschade "dicht gemacht" wurde, ebenso vor Jahren der Kindergarten
in Herschdorf. "Offenbar sind Einwohner unzufrieden mit der Politik. Aber
die NPD kann man doch nicht wählen", sagte der gebürtige Friedebacher,
der über das Zustandekommen des Wahlergebnisses ebenfalls rätselt.Offenbar
sind Einwohner unzufrieden mit der Politik. Aber die NPD kann man doch nicht
wählen.