DER
"FAKTOR 10" IN DER NAZI-SZENE
Gibt es viel mehr Jugendliche mit rechtsextremer Gesinnung, als der Verfassungsschutz
weiß?
Von Rainer Funke
Der "Faktor
10" bewegte gestern die Gemüter im Verfassungsschutzausschuss. Denn
die von der Geheimdienst-Zentrale in Köln herausgegebenen Zahlen über
Jugendliche der rechtsextremen Szene weichen erheblich von jüngsten Untersuchungen
des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen ab.
Das Institut kommt bekanntlich nach einer bundesweiten Erhebung unter Schülern
der 9. Klassen zu dem Schluss, dass es hochgerechnet etwa 34 000 Jugendliche
allein im Alter um die 15 Jahre mit einem rechtsextremen Weltbild gebe. Der
Verfassungsschutz spricht von 31 000 Rechtsextremisten im Jugendalter überhaupt
in ganz Deutschland. Was wiederum bedeuten würde, nähme man den Vergleich
für alle jungen Leute, dass das Institut eine zehnfach höhere Zahl
dieser Jugendlichen errechnet hat als der Geheimdienst. Die Institutsangaben
beruhen auf Selbstbekenntnissen, nicht nur in irgendeiner Affinität zur
Szene zu stehen, sondern dort regelrecht Mitglied zu sein. Das veranlasste den
Grünen-Abgeordneten Dirk Behrendt zur Frage, ob dies tatsächlich so
sei und auch auf Berlin zutreffe.
Claudia Schmid, Berlins Leiterin des Verfassungsschutzes, wies darauf hin, dass
es sich bei den Instituts-Studien um Dunkelfeldforschung handele. Es seien z.
B. Angaben erfragt worden, ob man etwa einer Kameradschaft oder einer rechtsextremistischen
Gruppe angehöre, auch, ob man gelegentlich rechte Musik höre, szenetypische
Kleidung trage oder irgendwann in diesen Zusammenhängen eine Straftat begangen
habe. Weil Jugendliche nach allgemeiner Erfahrung offener für Bekenntnisse
zu Gesinnungen als andere Altersgruppen seien, entstünde eher ein Bild
über die Empfänglichkeit für ein rechtsextremes Weltbild. Wenn
sich irgendwo drei oder vier Schulkameraden einer Clique träfen, saufen
würden und lautstark ausländerfeindliche Sprüche klopften, registriere
das der Verfassungsschutz eher nicht. Der beobachte vielmehr junge Leute, die
in tatsächlichen Extremismus-Strukturen agierten - etwa in der NPD, in
Kameradschaften, in Verbindungen wie die Autonomen Nationalisten. Und so entstünden
unterschiedliche Angaben. Rechte Gewalt käme übrigens zumeist nicht
aus solch festen Strukturen, sondern aus losen Grüppchen, die das Institut
vorwiegend beschrieben habe. Es handele sich um ein differenziertes Potenzial,
man wisse, dass das Mobilisierungsvermögen der rechten Szene deutlich größer
sei als die Mitgliedschaft in Parteien und Kameradschaften.
Nicht überrascht zeigte sich Innensenator Ehrhart Körting (SPD) von
den Ergebnissen des Institutes, die Einstellungen betreffend. Es handele sich
bei den unterschiedlichen Angaben um unterschiedliche Begrifflichkeiten. Es
habe ja auch Meinungsumfragen gegeben, die deutlich werden ließen, dass
etwa bis zu 15 Prozent der Gewerkschafter für rechtsextremistische Parolen
empfänglich seien. "Und das ist ja erschreckend genug", sagte
Körting.
Den Schluss, dass auch in Zeiten der Krisen und der schwierigen Finanzsituation
jene Gruppen und Vereine nachhaltig gefördert werden müssen, die sich
in diesem Zusammenhang um Prävention kümmern, zog Udo Wolf (Linkspartei).
Zudem müsse angesichts der offenkundigen Empfänglichkeit von Teilen
der Bevölkerung für rechtsextremistische Weltbilder unter Umständen
auch nachjustiert werden, was die Unterstützung der antifaschistischen
Gruppen und Initiativen betrifft.
An anderer Stelle befasste sich der Ausschuss mit den jüngsten Brandanschlägen
in der Stadt. Körting informierte, dass es 2007/08 19 Festnahmen gegeben
habe. Zweimal gab es Urteile, zwei Verfahren seien noch nicht beendet. Beim
Rest hätten die Beweise für eine Anklage nicht ausgereicht. Zumeist
gehe es um spontane Aktionen kleiner Gruppen. Das mache die Fahndung schwierig.