NPD tritt in
Thüringen flächendeckend an
Parteichef Voigt erhofft mit Wahlerfolg zur Landtagswahl Stärkung der eigenen
Position
Von Carsten Hübner
In Thüringen
ist es am Mittwoch zu Protesten gegen den Wahlkampfauftakt der NPD gekommen.
Die Partei hatte angekündigt, in mehreren Städten Mahnwachen vor Moscheen
abhalten zu wollen.
Rund 300 Nazigegner versammelten sich unter dem Motto "Vielfalt schützen
- Rechtsextremismus entgegentreten" in Jena. Auch in der Landeshauptstadt
Erfurt wurde gegen die rechtsextreme Partei demonstriert. Einen Tag zuvor hatte
die NPD auf einer Pressekonferenz im thüringischen Kirchheim ihr Landtagswahlprogramm
"Arbeit. Familie. Heimat." vorgestellt. Die Partei rechnet sich gute
Chancen aus, am 30. August in den Thüringer Landtag gewählt zu werden.
Spitzenkandidat ist der einschlägig vorbestrafte Landeschef Frank Schwerdt,
der sich zudem um das Direktmandat in Erfurt bewirbt. "Die NPD ist die
politische Erneuerungskraft im Freistaat und muss von den Wählerinnen und
Wählern am 30. August den Auftrag erhalten, dies auch im Landtag deutlich
zu machen", unterstrich Schwerdt im Anschluss an die Pressekonferenz. Auf
den vorderen Listenplätzen zur Landtagswahl finden sich auch mehrere Aktivisten
der militanten Thüringer Kameradschaftsszene.
Für Überraschung hatte gesorgt, dass die NPD in allen 44 Landtagswahlkreisen
mit Direktkandidaten antreten wird. Das sei nach den Kommunalwahlen "nicht
unbedingt" zu erwarten gewesen, so Stefan Heerdegen, Sprecher der Mobilen
Beratung gegen Rechtsextremismus (MOBIT). Am 7. Juni war die Partei nur in ihren
Hochburgen wählbar gewesen. Dennoch hatte sie, trotz Zugewinnen, fast nirgendwo
die 5-Prozent-Hürde nehmen können. Künftig sitzt sie mit 21 Mandaten
in Thüringer Kommunalparlamenten.
Der Thüringer NPD-Landesverband gilt als Hoffnungsträger von Bundeschef
Udo Voigt, der sich erst vor wenigen Monaten einer Palastrevolte erwehren musste.
Seither gilt sein Verhältnis zu den einflussreichen Landesverbänden
Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern als gestört. Beobachter konstatieren
zudem eine klare Dominanz des neonazistischen Parteiflügels im neuen Bundesvorstand.
Sollte der Einzug der Thüringer NPD in den Landtag misslingen, geriete
die Parteiführung wieder ins Wanken; ebenso wie die ideologische Ausrichtung.
Die Thüringer NPD kann deshalb mit massiver Wahlkampfunterstützung
aus Berlin rechnen. Neben einer eher bescheidenen Finanzspritze - der Bundesverband
ist infolge mehrerer Skandale chronisch knapp bei Kasse - wird es dabei vor
allem um logistische und personelle Hilfestellung gehen. So kündigte Landeswahlkampfleiter
Patrick Wieschke an, man wolle landesweit 40 000 Plakate, eine Million Zeitungen,
800 000 Handzettel und Broschüren sowie 50 000 Jungwählerflugblätter
unters Volk bringen. Insgesamt sollen 160 000 Euro für den Wahlkampf zur
Verfügung stehen.
Gegen wen sich der Wahlkampf der NPD schwerpunktmäßig richten wird,
machen bereits die Mahnwachen vor Thüringer Moscheen am Mittwoch deutlich.
Dieter Hausold, Fraktionschef der Linken im Thüringer Landtag, nannte es
"skandalös" und "unerträglich", das Rassisten
auch nur in der Nähe von Gebetshäusern menschenverachtende Parolen
verbreiten könnten. Zwei Wochen zuvor war die NPD vor die Landesgeschäftsstelle
der Partei "Die Linke" in Erfurt gezogen.
Ein erstes Großevent steht für den 11. Juli in Gera an, wo die NPD
zu ihrem traditionellen "Rock für Deutschland" in den Friedenspark
einlädt. Nach Einschätzung eines Aktionsbündnisses, das zur Blockade
der Veranstaltung aufruft, ist mit rund 1000 Neonazis aus Thüringen und
anderen Bundesländern zu rechnen.