Freies Wort vom 12.05.2009
"Wir verurteilen
diese Kandidatur"
Landesfeuerwehrverband bezieht Stellung gegen DVU-/NPD-Bewerber aus Ernstthal
Von Andreas Beer
Lauscha - "Grundsätzlich steht es jedem frei, sich politisch zu betätigen. Bei der NPD und der DVU handelt es sich ja nicht um verbotene Parteien", sagt Stefan Heine. Der Sprecher des Thüringer Landesfeuerwehrverbandes will es dabei aber nicht belassen. Der Verband grenze sich glasklar ab vor den braunen Stimmenfängern, allein: "Uns fehlt die Handhabe. Es gibt noch keine Sprachregelung." Nur soviel: "Wir verurteilen diese Kandidatur."
In den nächsten Tagen werde das Thema noch einmal auf der Sitzung des Verbands besprochen, so Heine gegenüber Freies Wort. Das "Thema" ist die Kandidatur eines Kameraden im Blaurock, der nun das braune Hemd aufbügelt. Im Kreis Sonneberg tritt der Ernstthaler sowohl zur Stadtratswahl in Lauscha auf der Liste der DVU an, als auch für den Kreistag auf dem Ticket der NPD. Zudem handelt es sich bei dem 28-Jährigen um keinen "Fernerliefen": Manuel Franke ist Wehrführer in Ernstthal.
Ob diese verantwortungsvolle Stellung, die Vorbildfunktion, in Deckung zu bringen ist mit den Vorstellungen, beispielsweise von Hans-Peter Kröder? Der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes äußerte unlängst, dass "Rechtsextremismus keinen Platz bei uns hat." Hiergegen setze man sich ein, thematisiere die braune Gefahr - auch mit Blick auf die "uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen in unseren Einrichtungen, Untergliederungen und Diensten."
Von den Höhen der Feuerwehr-Organisationsebene ist derlei freilich schnell formuliert. Doch vor Ort, im ländlichen Raum, läuft die Hauptangriffslinie der politischen Brandstifter. Woraus Frank Schwerdt auch keinen Hehl macht. Den NPD-Landesvorsitzenden zitiert Spiegel online dieser Tage ausführlich mit seiner Strategie. "Wir schicken unsere Leute in die Freiwilligen Feuerwehren, um dort die Arbeit zu machen, die Feuerwehren machen", sagt Schwerdt, "aber möglicherweise sind das auch gesellschaftliche Zusammenschlüsse, bei denen man sich nicht nur über die Feuerwehr unterhält." Sondern auch über Politik.
Bäz-Dölle auf allen Listen
Der rechte Rand
formiert sich also, in den Städten und im Kreis Sonneberg. Und einige der
Protagonisten auf den Listen der Rechtsextremen auf Landesebene sind im Sonneberger
Land alte Bekannte.
In Kirchheim hob die NPD im Frühjahr ihre Kandidaten zur Wahl des Bundestags aufs Schild. Dem NPD-Landesvorsitzenden folgt einmal mehr der Lauschaer DVU-Stadtrat Uwe Bäz-Dölle auf Platz zwei.
Der gelernte Stahlbauschlosser bleibt sich damit treu, bereits 2005 trat der 43-Jährige für die Rechtsextremen an. Der Wunsch nach Berlin umzuziehen und die Nähe zur NPD sind somit verlässliche Konstante in der Biografie des Lauschaers. Auch zwischen den Urnengängen. So erfreute er zuletzt im Januar anlässlich des Neujahrsempfanges der NPD die versammelte Szene mit einer Wortmeldung, in welcher er an die "Einigkeit im nationalen Lager" appellierte.
Mehrwert hat der gebürtige Gräfenthaler, Jahrgang 1966, für die Szene seit langem. Sein Zuspruch zu den Bürgermeisterwahlen in Lauscha im Jahr 2006, als er 18,7 Prozent der Stimmen holte, wird in der kommunal eher schwachbrüstig aufgestellten Thüringer NPD immer wieder gerne angerufen. Dass er nun für die NPD zum Sonneberger Kreistag kandidiert und für die DVU in den Lauschaer Stadtrat will, es zeigt wie austauschbar die beiden Heimstätten seines Wirkens sind - der Stallgeruch ist derselbe. In der Lauschaer Stadtpolitik aber bleibt Bäz-Dölle eher blass. Fragen zum Räumdienst, zur Wasser- und Abwasserproblematik, zur Sanierung des Schwimmbades sind regelmäßig zu hören. Zu wichtigen Themen, wie der Zukunft des Mittelzentrums Neuhaus/Lauscha oder der Fusion von Steinach und Lauscha, war in der Vergangenheit wenig Substanzielles zu vernehmen - außer diffuser Kritik gegen angebliche Fremdbestimmung, übermittelt in Hauswurfsendungen.
Die Schwerpunkte der kommunalen Arbeit liegen somit eher im Außerparlamentarischen - in Verbindung mit der freien Kameradschaft. Hol- und Bringedienste für Senioren, Hausaufgabenhilfe für Kinder, Familien-Lagerfeuer, Sammelaktionen für Bestattungskosten sowie Thekendienste in Vereinen sind dabei die Grundlage.
Sind Lauschas Rechte also Biedermänner und Leisetreter? Oder werden andere Ziele strategisch kaschiert?
Der NPD-Parteitheoretiker Jürgen Gansel fasst dies so zusammen: "In Mitteldeutschland findet eine geräuschlose völkische Graswurzelrevolution statt. Mit einem moderaten Ton, zivilem Auftreten und alltagsnahen Themen gelingt es Nationalisten, vielerorts zum integralen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens zu werden, während sich die Systemkräfte dem Volk immer mehr entfremden." Darauf aufbauend versucht die NPD den öffentlichen Raum zu besetzen.
Duftmarken der braunen Sorte
Anstatt also platt Sympathie für "Reichsideen", wie Bäz-Dölle es früher tat, unters Volk zu werfen, genügt es schon, das Ressentiment gegen "die da oben" und gegen "Fremde" zu schüren - was seit einigen Jahren in der kostenfrei in Lauscha und Umgebung verteilten DVU-Postille Pappenheimer nachzulesen steht.
Öffentlich in Erscheinung treten die Rechtsextremisten in der Glasbläserstadt somit nur bedingt. Duftmarken werden trotzdem gesetzt, etwa in Form eines mit Runen verzierten Kreuzes am Geländer des Friedhofes, das an den Tod eines Kameradschaftsmitglieds erinnert.
Deutlicher geriet die Nähe zum braunen Gedankengut im Mai 2005. Damals marschierte Bäz-Dölle bei einer Demonstration Seit an Seit mit dem Ex-NPD-Anwalt Horst Mahler. Dieser wurde zuletzt im Januar 2009 zu sechs Jahren Gefängnis wegen Volksverhetzung verurteilt, weil er den Holocaust leugnete und zu Hass und Gewalt gegen Juden aufstachelte.
In Lauschas Stadtratssitzungen macht Bäz-Dölle seine Gesinnung aber allenfalls in Reichskriegsflagge-farbenen Hosenträgern offenkundig - was im Gremium der eine oder andere mit einem Schmunzeln quittiert. Gegen derlei textilen Karneval muss nicht die "wehrhafte Demokratie" in Stellung gebracht werden.
Der Wähler entscheidet
Letztenendes, so seufzt Bürgermeister Norbert Zitzmann, werde er auch nach der nun anstehenden Kommunalwahl zur Kenntnis nehmen müssen, ob der Wähler infolge der gefallenen Fünf-Prozent-Klausel nicht mehr nur einen DVU-Vertreter, sondern möglicherweise mehrere ins Stadtparlament entsendet. "Ich muss mit der Mannschaft spielen, die der Wähler aufstellt."
Was nicht heiße, dass er auf die Dinge nicht im "Sinne von Beeinflussung im Sinn von Aufklärung" einwirken wolle. Der verschwurbelte Satz leitet über zu seinem Ehrenamt im Vorstand des "Netzwerks für Demokratie". Mittels Veranstaltungen, die der Zusammenschluss organisiert, wolle er durchaus dem Wähler ein Angebot machen, auf dass dieser einzuschätzen weiß wofür rechts- oder linksextreme Gruppierungen stehen.
Vielmehr, so darf man heraushören, hält Zitzmann kaum für machbar. "Die Zielstellung dieser Parteien, den eingeführten Bestand demokratischer Institutionen zu gefährden, das ist eine Gefahr, die nur der Wähler bannen kann."
Einen Touristenschreck vermutet Zitzmann zudem nicht in etwaigen Wahlerfolgen der Rechten. Den Prestigeschaden für Lauscha, das auf Kundschaft aus aller Welt für sein Kunsthandwerk hofft, sieht der Stadtchef nicht: "Die Attraktivität eines Ortes ist nur dann gestört, wenn die Abläufe gestört sind." Doch weder gebe es Aufmärsche noch Pogrome. Die "Geschäftsordnung" ist nicht beeinträchtigt.