blog.zeit.de/stoerungsmelder vom 12. März 2008
"Dass ich nicht denke wie die" - Rechter Terror in der Provinz
Jeden Tag werden in der Bundesrepublik Menschen Opfer rechtsextremer Gewalt. Die Dominanz rechter Cliquen wird jedoch nicht nur bei medienwirksamen Übergriffen und Gewalttaten deutlich - nein, tausende Menschen leiden im Alltag unter dem Terror von Neonazis. Doch wie lebt es sich, wenn der Alltag zur Qual wird und Angst ein ständiger Begleiter ist? Darüber sprach ich mit Jennifer*, 15 Jahre alt. Sie kommt aus einer thüringischen Kleinstadt und ist seit Jahren körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt weil sie "nicht rechts" ist.
Gibt es in Deiner
Stadt ein Problem mit Neonazis ?
Oh ja, es gibt verschiedene Gruppierungen wie z.B. die Kameradschaft oder
"Autonomen Nationalisten". Es gibt Übergriffe, doofe Sprüche
und passive Aktionen wie Aufkleber oder Graffitis. Die Bürger schauen weg,
weil sie entweder derselben Meinung sind oder einfach keinen Bock haben sich
mit Neonazis auseinanderzusetzen. Es gibt nur einige wenige engagierte Bürger
hier. In der Stadt, an den Schulen und in den Jugendclubs tragen Leute Thor
Steinar, Consdaple, Landser u.a. Klamotten und machen alternativ aussehende
Jugendliche und Migranten doof von der Seite an. Vollgepöbelt, bespuckt,
geschlagen oder verfolgt zu werden, ist hier fast Normalität.
Betrifft Dich
dieses Bedrohungspotential ?
Na klar. Betroffen bin ich, seitdem die Neonazis mitbekommen haben, dass ich
nicht denke wie die und auch nicht bereit bin wegzuschauen - seit sie darauf
gekommen sind, dass ich mich auch aktiv z.B. im "BürgerInnenbündnis
gegen Rechts" engagiere und nicht in ihre Welt passe. Es ist das Übliche:
dumme Anmachen, Abfotografieren, Angst machen durch Verfolgungen oder Drohungen.
Das gehört zum Alltag.
Wurdest Du schon
einmal körperlich angegriffen ?
Ja, zum Beispiel beim jährlichen Stadtfest, gerade als ich es verlassen
wollte.
Was passierte
genau ?
Es war ein Fehler, sich dort hin zu trauen. Ich betrete solche Veranstaltungen
normalerweise genauso wenig wie die Innenstadt, da die Präsenz von Neonazis
und deren Anhängern einfach zu groß ist. Man überlegt sich einfach
zweimal, was man hier macht und wo man hingeht. Jedenfalls kam an diesem Abend
einer der stadtbekannten Schläger auf mich zu und schaute mich mit dunkler
Miene an. Er presste mir seine flache Hand über mein ganzes Gesicht und
drückte zu. Kurz bevor ich zu Boden ging, krallte ich mich an einer Frau
fest und zog mich hoch, als er seine Hand lockerte. Die Frau, an welcher ich
mich hochgezogen hatte, breitete ihre Arme schützend vor mir aus und schrie
den Neonazi an mich in Ruhe zu lassen. Ich drehte mich kurz um, um zu telefonieren.
Ich wollte nicht alleine sein und brauchte Hilfe. Es wurden immer mehr Rechte
um uns. Die Frau war weg. Der Nazischläger stand vor mir und machte einen
Schritt auf mich zu. Er hielt mich an meiner Hüfte und an meiner Schulter
fest, lies mich nicht los. Er sagte, er würde mich "zusammenschlagen".
Und wenn er es nicht tun würde, würden das Andere übernehmen.
In der Zwischenzeit kamen mehr und mehr Nazis und umkreisten mich. Er redete
weiter auf mich ein, ununterbrochen, aggressiv. Dann sah ich plötzlich
einen Freund meines Vaters. Diesen sah ich als meine Rettung an. Ich dachte,
er würde die ganze Situation beruhigen und mich dort wegbringen. Jedoch
war seine Reaktion, als er mich erkannte, alles andere als eine Rettung. Er
ging - schweigend. Er lies mich allein. Nach über 30 Minuten stießen
sie mich endlich weg und sagten, ich "solle verschwinden". Ich rannte
nach Hause, ohne eine Pause. Zu Hause war ich allein, meine Eltern waren aus.
Ich schloss alle Türen ab und lies die Rollläden herunter. Ich konnte
nicht schlafen, nur weinen.
Wie lange bist
du dieser Gewalt schon ausgesetzt ?
Das geht schon fast 2 Jahre so. Mal mehr, mal weniger, aber die Angst ist ein
ständiger Begleiter.
Was sagt denn
deine Familie dazu und wie wirkt sich das auf dein Befinden aus ?
Meine Familie macht Druck, dass ich mich doch fügen und mich nicht mehr
engagieren solle, dann würde das schon aufhören. Schon lange bin nicht
mehr nur ich betroffen - es betrifft meine ganze Familie. Ich kann schlecht
schlafen und habe Albträume. Nach solchen Träumen bin ich den kommenden
Tag über stark niedergeschlagen und denke nur nach. Ich lasse den Traum
in Gedanken immer und immer wieder Revue passieren, in der Hoffnung, besser
damit umgehen zu können. Im Alltag ist das alles auch nicht so einfach.
Ich brauche immer jemanden, der mich irgendwo hinfährt oder abholt. Ich
wurde sogar schon mal auf meinem Schulweg verfolgt. Noch ein Grund, warum ich
mich kaum noch alleine auf die Straße traue.
Wie verarbeitetest
du das ?
Ich habe tolle Freunde, die mich unterstützen und mit mir sprechen und
mir helfen. Trotzdem überlege ich eine psychische Behandlung anzufangen.
Um zu lernen mit der Angst zu leben. Das ist zwar keine Lösung, aber die
Nazis werden hier nicht verschwinden. Und ich möchte nicht an denen zerbrechen.
Ich erstatte bei jedem Vorfall Anzeige und versuche positiv zu denken und schaue
nach vorne. Auch wenn die Übergriffe noch nicht aufhören, bleibe ich
stark, aber, um es mit Olga Benario Prestes zu sagen "der Wagen rollt in
die Zukunft".
Woher nimmst
du die Stärke und Motivation, dich täglich dem Ganzen zu stellen ?
Was mich antreibt, ist der Gedanke an eine freie Gesellschaft ohne Unterdrückung
und Ausgrenzung. Ich werde trotz der Angriffe nicht aufhören für meine
Überzeugungen einzustehen. Ich habe als Individuum das Recht, meine Interessen
wahrzunehmen und mein Handeln selbst zu bestimmen. Dafür kämpfe ich.
Denn genau diese Entfaltung der Persönlichkeit ist hier keinesfalls selbstverständlich.
Ich Danke Dir für dieses Gespräch und wünsche Dir alles Gute.