Rechte
Codes
Sie sind normale Eltern und wollen das Beste für ihre Kinder. Doch bei
ihrem Sohn ist das Bemühen zum harten Ringen geworden. Thüringer Neonazis
versuchen ihn vor ihren Karren zu spannen. Ihr zum Teil aggressives Agieren
kommt bei den Eltern inzwischen unverholen als Drohung an.
ERFURT. Um ihn
haben sich schon immer Kinder geschart, Freunde, Bekannte. Der heute 16-Jährige
stand oft im Mittelpunkt. Marcus ist nicht sein richtiger Name, "Marcus"
soll den Jugendlichen und seine Familie aus einer Gemeinde in Ostthüringen
schützen. Der Junge war nie ein Schläger und gerade auch deshalb versuchen
Thüringer Neonazis ihn einzuspannen.
Seit einem Dreivierteljahr sorgen sich seine Eltern um ihn. "Wir haben
Anfangs nichts gemerkt", gestehen sie sich ein. Die Haare wurden kürzer.
Erst kamen Stahlkappenschuhe, dann weiße, später rote Schnürsenkel.
Seine Kleidung sollte nur noch von einer Marke sein: "Bis dahin hatten
wir uns wenig dabei gedacht: Pubertät eben."
Das Schlüsselerlebnis war ein Besuch bei Verwandten. "Deren Söhne
wollten plötzlich nicht mehr mit Marcus losziehen", erzählt sein
Vater. "Wir können uns mit ihm nicht blicken lassen", sollen
sie ihrem völlig verdutzten Onkel gesagt haben.
Und, dass sein Outfit das der rechten Szene sei. Ein Vorwurf, der die Eltern
elektrisierte.
"Wir begannen im Internet zu recherchieren und kamen ganz langsam hinter
die Bedeutung der Klamotten, der Aufnäher und vieler versteckter Codes
der Szene", erzählt die Mutter. Versuche mit ihrem Sohn über
seine neuen Kontakte zu reden, scheiterten regelmäßig: "Da machte
er dicht, später kamen Drohungen hinzu."
Auch in der Schule begannen die Schwierigkeiten. Marcus beschimpfte Kunden der
Firma seiner Eltern, wenn das Gespräch auf seine politische Einstellung
kam. Seine jüngere Schwester musste das alles miterleben.
"Wir sind bestimmt keine Linken", sagen die Eltern. 1988 aus der DDR
geflüchtet, hatten sie sich nach ihrer Rückkehr die Firma und ein
solides Leben aufgebaut. "Wir versuchen unsere Kinder ordentlich zu erziehen."
Davon sind beide trotz ihrer Verzweiflung überzeugt.
Wie vor 20 Jahren ihr eigenes Schicksal wollen sie auch das von Marcus nicht
einfach hinnehmen. Hilfe bekamen sie von "Exit". Ein in Berlin ansässiger
Verein, der auch Aussteiger aus der rechten Szene betreut und Eltern unterstützt,
wenn ihnen ihre Kinder entgleiten, weil sie zu Neonazis geworden sind. Es gab
Versuche, die Probleme in der Schule zu klären. Das aber scheiterte. Aus
Sicht der Eltern, weil Lehrer überhaupt nicht auf solche Situationen und
die Eskalation vorbereitet sind und inzwischen ihren Sohn nur noch von der Schule
haben wollen.
Eine Erfahrung, die Dirk Fischer von Exit teilt. Allein in der Ostthüringer
Region, wo Marcus lebt, betreut Exit noch vier Jugendliche, in der Hoffnung,
dass diese sich wieder aus der rechtsextremen Szene lösen.
Schwierig ist die Lage in Thüringen auch, weil über Jahre vieles verschlafen
und vernachlässigt wurde. So gibt es kein Aussteigerprogramm. Nur mit einer
Telefonnummer beim Verfassungsschutz wird geworben.
Die Eltern von Marcus entschlossen sich zum Handeln, als ihnen ein Brief von
Thüringens vorbestraftem NPD-Chef ins Haus flatterte. "Andere Eltern
sollen gewarnt werden, um die ersten Anzeichen eines Abgleitens in die rechte
Szene zu erkennen", sagen sie.
Inzwischen begegnen ihnen fortlaufend Nazi-Codes, sehen sie versteckte Zeichen
der Szene, wo andere liebe, gute, junge Menschen vermuten.
So soll es in den Dörfern ihrer Region einen Jugendführer der Rechten
geben, der tagsüber in seinem Job nicht auffällt. Nachmittags oder
am Abend schart er dann die Jugendlichen im Alter von 14, 15 Jahren um sich.
Viele Alternativen für die Leute gebe es abseits der großen Städte
nicht, erklärt Marcus´ Mutter.
Eine Situation, die der Verein Mobit seit Jahren kritisiert. Die Warnung, dass
es Landstriche in Thüringen gibt, die mangels Alternative nur von rechter
Jugendkultur geprägt sind, wurde bisher offiziell immer ignoriert.
Bei Marcus sammelten sich so etwa 100 CDs mit rechtsextremer Musik an, der häufigsten
Einstiegsdroge in die Szene. Zu Hause ist die Situation inzwischen eskaliert.
Die Eltern entschlossen sich, mit Hilfe des Jugendamtes ihren Jungen für
einige Wochen aus dem gewohnten Umfeld und so auch aus der rechten Szene herauszunehmen.
Es sei ein verzweifelter Schritt, sagen beide. Ein Heim und eine Schule dafür
wurden in Südthüringen gefunden.
Doch die Hoffnung wehrte nur kurz, denn auch die Neonaziszene kam dorthin. Vor
vier Wochen steckte ein Brief der NPD in der Post. Gegen den Schreiber wurde
gerade in Berlin, gemeinsam mit zwei anderen, Anklage wegen Volksverletzung
und Beleidigung erhoben. Dieser Mann wirft den verzweifelten Eltern vor, den
Sohn aus dem Haus getrieben zu haben. Er rät ihnen, sich von einer "unseligen"
Lehrerin loszusagen, die aus dem Schuldienst entlassen gehöre - die Frau
hatte den Eltern mitgeteilt, dass sich ihr minderjähriger Sohn im Vorjahr
in Jena auf einem Neonaziaufmarsch herumgetrieben hatte, gegen den sie selber
mit Hunderten protestierte.
Wie das Ringen um Marcus ausgeht, wissen die Eltern nicht. "Erschreckend
ist, dass eine Generation heranwächst, von der wir viel zu wenig wissen,
was sie in fünf, sechs Jahren machen wird", sagt sein Vater.