Mit Biss gegen Rechts
NORDHAUSEN (rea).
Von einem Verbot der NPD hält Toralf Staudt nichts. Das machte er zur Lesung
aus seinem Buch "Moderne Nazis" in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora
deutlich.
Die NPD schwimmt auf einer neuen Welle. Doch das Wasser ist trübe, der
Grund nicht zu erkennen. Der Grund, warum die NPD sich für Familienpolitik
stark macht, sich gegen Hartz-IV aufbäumte und damit bewusst immer wieder
neue Anhänger auf ihre Seite zieht.
Längst sind ihre Mitstreiter nicht mehr an Bomberjacken und Springerstiefeln
zu erkennen. Sie hören New Wave und Hip Hop, mit entsprechenden Texten,
tragen Kapuzenjacken, statt Glatze stylische Frisuren. Die Mädels sind
gebräunt, zeigen Bauch. Es ist schwer geworden, Rechte und ihr Gedankengut
zu erkennen, meint Staudt. Zwar verwenden sie noch immer ihre Runen. Doch, wenn
sie scheinbar uneigennützig tolle Abenteuerspielplätze bauen, mit
neuen Jugendclubs der Jugend Müßiggang unterbinden, sich in Elternvertretungen
engagieren, wird´s undurchsichtig. Spätestens seit der Lesung
am Vorabend des 63. Jahrestages der deutschen Kapitulation ist das vielen Nordhäusern
klar. Modern sind die Nazis wirklich. Im Altersdurchschnitt machen sie allen
Parteien etwas vor: mit 39 Lenzen. Im Osten sind viele Sympathisanten um die
20, 25, in Kameradschaften organisiert.
Sie sind subtiler geworden, trotz ihrer sogenannten national befreiten Zonen
wie in Sachsen, wo sehr mutig sein muss, wer eine Afrikanerin zur Frau hat,
erzählt der 36-Jährige, der in Leipzig studiert hat und seit 1998
für "Die Zeit" im Naziumfeld recherchierte. "Die Medien
sind voll. Aber nur, wenn wieder ein Mord geschehen ist oder Anne Franks Tagebücher
verbrannt werden", klagt er an. Dann rufen Redakteure ihn an, führen
Interviews mit ihm, der reihenweise Neonazis aus- und hinterfragte und in der
Lage ist, in die Gedankenwelt der NPD-Mitglieder einzutauchen. Nur seien die
Wogen danach viel zu schnell wieder geglättet. Denn die Gefahr ist nicht
gebannt. Nicht nur, weil viele sich bei dem Gedanken ertappen, dass manches
am NPD-Programm doch gar nicht so schlecht ist, sondern sich auch nicht um das
Warum scheren. Naziparolen brüllen die, die das Parteiprogramm nicht verstanden
haben, witzelt Toralf Staudt vor einem stattlichen Publikum von etwa 100 Menschen.
Viele junge Leute sind gekommen. "Doch gerade darin liegt die Gefahr",
so Toralf Staudt und malt ein Schreckensszenario, wenn NPD-Chef Voigt begreift,
dass er mehr erreichen kann, wenn er auf alte Parolen verzichtet.
Im anschließenden Werbeblock wirbt Staudt nicht für sein Buch, sondern
für das neue, bahnbrechende Netzwerk der Zeit. Ein Projekt, das am 6. Mai
anlief und helfen soll, dem Rechten im Alltag die Stirn zu bieten. Im Internet
kann man diskutieren, sich Rat holen, wie man Übergriffen begegnet, Argumente
sammeln, um nicht den Kopf zu senken, sondern etwas zu tun. Wer will, kann sich
auch einfach nur Staudts Buch herunterladen. "Natürlich waren die
Rechten die Ersten, die im Forum herumpöbelten", ironisiert Toralf
Staudt. Doch wäre es beinah schön gewesen, den Verrenkungen ihrer
Argumente zu folgen. Mehr über das Netzwerk im Internet: www.netz-gegen-nazis.de