Thüringer Allgemeine vom 09.05.2008

Mit Biss gegen Rechts

NORDHAUSEN (rea). Von einem Verbot der NPD hält Toralf Staudt nichts. Das machte er zur Lesung aus seinem Buch "Moderne Nazis" in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora deutlich.
Die NPD schwimmt auf einer neuen Welle. Doch das Wasser ist trübe, der Grund nicht zu erkennen. Der Grund, warum die NPD sich für Familienpolitik stark macht, sich gegen Hartz-IV aufbäumte und damit bewusst immer wieder neue Anhänger auf ihre Seite zieht.
Längst sind ihre Mitstreiter nicht mehr an Bomberjacken und Springerstiefeln zu erkennen. Sie hören New Wave und Hip Hop, mit entsprechenden Texten, tragen Kapuzenjacken, statt Glatze stylische Frisuren. Die Mädels sind gebräunt, zeigen Bauch. Es ist schwer geworden, Rechte und ihr Gedankengut zu erkennen, meint Staudt. Zwar verwenden sie noch immer ihre Runen. Doch, wenn sie scheinbar uneigennützig tolle Abenteuerspielplätze bauen, mit neuen Jugendclubs der Jugend Müßiggang unterbinden, sich in Elternvertretungen engagieren, wird´s undurchsichtig. Spätestens seit der Lesung am Vorabend des 63. Jahrestages der deutschen Kapitulation ist das vielen Nordhäusern klar. Modern sind die Nazis wirklich. Im Altersdurchschnitt machen sie allen Parteien etwas vor: mit 39 Lenzen. Im Osten sind viele Sympathisanten um die 20, 25, in Kameradschaften organisiert.
Sie sind subtiler geworden, trotz ihrer sogenannten national befreiten Zonen wie in Sachsen, wo sehr mutig sein muss, wer eine Afrikanerin zur Frau hat, erzählt der 36-Jährige, der in Leipzig studiert hat und seit 1998 für "Die Zeit" im Naziumfeld recherchierte. "Die Medien sind voll. Aber nur, wenn wieder ein Mord geschehen ist oder Anne Franks Tagebücher verbrannt werden", klagt er an. Dann rufen Redakteure ihn an, führen Interviews mit ihm, der reihenweise Neonazis aus- und hinterfragte und in der Lage ist, in die Gedankenwelt der NPD-Mitglieder einzutauchen. Nur seien die Wogen danach viel zu schnell wieder geglättet. Denn die Gefahr ist nicht gebannt. Nicht nur, weil viele sich bei dem Gedanken ertappen, dass manches am NPD-Programm doch gar nicht so schlecht ist, sondern sich auch nicht um das Warum scheren. Naziparolen brüllen die, die das Parteiprogramm nicht verstanden haben, witzelt Toralf Staudt vor einem stattlichen Publikum von etwa 100 Menschen. Viele junge Leute sind gekommen. "Doch gerade darin liegt die Gefahr", so Toralf Staudt und malt ein Schreckensszenario, wenn NPD-Chef Voigt begreift, dass er mehr erreichen kann, wenn er auf alte Parolen verzichtet.
Im anschließenden Werbeblock wirbt Staudt nicht für sein Buch, sondern für das neue, bahnbrechende Netzwerk der Zeit. Ein Projekt, das am 6. Mai anlief und helfen soll, dem Rechten im Alltag die Stirn zu bieten. Im Internet kann man diskutieren, sich Rat holen, wie man Übergriffen begegnet, Argumente sammeln, um nicht den Kopf zu senken, sondern etwas zu tun. Wer will, kann sich auch einfach nur Staudts Buch herunterladen. "Natürlich waren die Rechten die Ersten, die im Forum herumpöbelten", ironisiert Toralf Staudt. Doch wäre es beinah schön gewesen, den Verrenkungen ihrer Argumente zu folgen. Mehr über das Netzwerk im Internet: www.netz-gegen-nazis.de