"Die reden
nicht mehr. Die hassen"
Andrea Röpke, Lutherpreis-Trägerin 2009, über organisierte braune
Kindererziehung
Eisenach - Sie
wollen "wieder eine saubere deutsche Jugend formen", erziehen ihre
Kinder autoritär, sie verachten das Schwache und "dieses kranke System".
Sie sind völkisch national gesinnt und sehen sich im Kampf für ein
"unabhängiges Deutschland in einem Europa der freien Völker":
die "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ). Der Verein gilt als rechtsextremer
Jugendverband mit neonazistischer Ausrichtung - und breitet sich stetig aus.
Mittlerweile hat die "organisierte braune Kindererziehung" auch Thüringen
erreicht, wie die Politologin und Journalistin Andrea Röpke berichtet.
Röpke gilt als versierte Neonazi-Kennerin, seit Jahren recherchiert sie
hartnäckig die Zusammenhänge und Vorgänge in der rechtsextremen
Szene und deckt deren Gefahren für die Gesellschaft auf. Eine unerschrockene
Frau, die für ihre Arbeit im April mit dem Lutherpreis 2009 "Das unerschrockene
Wort" auf der Wartburg ausgezeichnet wird.
Vor den Feierlichkeiten in Eisenach stehen Vorträge. Viele unter Polizeischutz.
Wo die Journalistin auftaucht, sind Neonazis meist nicht weit. In Eisenach,
wo Andrea Röpke auf Einladung der Linken über die HDJ berichtet, bleibt
es ruhig. Was nicht damit zusammenhängt, dass Eisenach keine neonazistischen
Tendenzen kennt. Die NPD versucht hier, sich kommunalpolitisch zu verankern,
auch die HDJ scheint sich angesiedelt zu haben. Als erste Veranstaltung gilt
eine Wanderung am Fuße der Wartburg Anfang September, ein Foto der zunächst
unscheinbar wirkenden Gruppe zeigt unter anderem ein kinderwagenschiebendes
Mitglied des örtlichen NPD-Kreisvorstandes und jenen Mann, dessen Eisenacher
Wohnung - neben Adressen in Arnstadt oder Geraberg - bei der bundesweiten Razzia
gegen die "Heimattreue Deutsche Jugend" im Oktober durchsucht worden
ist. Auf Uniformen oder Abzeichen wurde bei dieser Wanderung verzichtet. Angesichts
des drohenden Verbots des Vereins, erläutert Andrea Röpke, trete die
HDJ zurzeit unauffällig auf.
Das war - und ist - nicht immer so. Journalistin Röpke zeigt ihren Film
über "Ferien im Führerbunker", Beobachtungen vom Rande der
HDJ-Zeltlager. Alle zwei bis drei Wochen, berichtet sie, tauschen HDJ-Mitglieder
im Sommer das Kinderzimmer mit dem Zelt. Kinder ab sieben Jahren und Jugendliche
sind hauptsächlich angesprochen, "jeder in der Szene, der etwas auf
sich hält, schickt seine Kinder hin". Sie zelten auf abgelegenen Grundstücken,
ungeachtet der Witterung, teils im Schnee. Morgenappell unter der schwarz-weiß-roten
Flammen-Flagge, Kniebeugen, Waldlauf. Wachdienste, Speerwurf, Lagerfeuer. Volkstänze
und Runenkunde. Gewaltmärsche, 150 Kilometer in drei Tagen. Mut- und Messerproben.
Der MP3-Player, der hier so nicht heißen dürfte, bleibt, so überhaupt
vorhanden, im Kinderzimmer. Die HDJ engagiert sich laut eigener Homepage auch
"gegen die Verenglischung unserer Muttersprache".
Eher führt die Sprache in die Vergangenheit. Mädchen in ihren bodenlangen
Röcken und Blusen, das Haar gern zu Zöpfen geflochten, heißen
Mädel. Sie sagen nicht "Hi" oder "Hallo", sondern "Heil
Dir". Und werden, wie Andrea Röpke berichtet, genauso paramilitärisch
gedrillt wie die Jungen. "Wehrhaftigkeit" sei ein wichtiges Wort,
auch der Frühsport dient dazu. "Das Schwache ist nicht gewollt".
Toleranz ebenso wenig. Sie gelte als feige und schwach, etwas für Leute
ohne richtige Überzeugung. "Wenn die Guten nicht kämpfen, siegen
die Schlechten" lautete des HDJ-Motto des Jahres 2006. Die Einstellung
zur Demokratie wird unter anderem in der Einladung zu einer Sonnwendfeier deutlich:
Ziel sei, "unsere schlummernde Kultur wieder zum Leben zu erwecken und
dieses kranke System zu beseitigen".
Als Polizisten im Sommer 2008 ein Zeltlager der HDJ bei Güstrow auflösten
und durchsuchten, fanden sie verschiedene Gegenstände mit Hakenkreuzen.
Glatzköpfe in Stiefeln, grölende Skinheads, "das nimmt immer
mehr ab", sagt Andrea Röpke. Jetzt kommen die Scheitelträger,
die Frauen mit Zöpfen und vielen Kindern. "Keine Randexistenzen".
Viele HDJ-Mitglieder studierten, seien Handwerker, Juristen, schickten ihre
Kinder aufs Gymnasium. "Eine elitäre Organisation, sehr selbstbewusst,
sehr autoritär". Sie lasse sich von den Behörden nicht stören,
ziehe ihr Ding durch, sie "wird wohl verboten - und sicher weitermachen".
Dennoch plädiert Andrea Röpke eindeutig für ein Verbot der HDJ.
Deren Vorgehen sei menschenverachtend, "man muss Grenzen setzen".
Ein Verbot liefere auch eine Handhabe für Eigentümer von Veranstaltungsräumen
oder Ferienheimen zum Beispiel. Auch wenn die HDJ bundesweit nur etwa 400 Mitglieder
zählt, "kann sie eine gewaltige Verbreitung auslösen". Weil
das Potenzial in der Bevölkerung da sei, weil die Szene es gut verstehe,
Unzufriedenheit aufzugreifen. Die Kinder sind Werbeträger, sollen die Ideologie,
wenn auch vorsichtig, nach außen tragen. Kinder, die mit der Verehrung
von Nazi-Größen aufwachsen, in der Zerrissenheit zwischen Schul-
und Lagerleben, die Dinge sagen wie: "Es gibt auch nationales Glück."
Sie wieder zu fangen, über sozialpädagogische Projekte etwa, funktioniert
nach Einschätzung von Andrea Röpke höchstens im Anfangsstadium.
Akzeptierende Jugendarbeit bei gefestigten HDJlern? "Wohl nicht",
sagt Röpke. "Die reden nicht mehr. Die hassen".