Südthüringer Zeitung vom 11.12.2008

"Die reden nicht mehr. Die hassen"
Andrea Röpke, Lutherpreis-Trägerin 2009, über organisierte braune Kindererziehung

Eisenach - Sie wollen "wieder eine saubere deutsche Jugend formen", erziehen ihre Kinder autoritär, sie verachten das Schwache und "dieses kranke System". Sie sind völkisch national gesinnt und sehen sich im Kampf für ein "unabhängiges Deutschland in einem Europa der freien Völker": die "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ). Der Verein gilt als rechtsextremer Jugendverband mit neonazistischer Ausrichtung - und breitet sich stetig aus. Mittlerweile hat die "organisierte braune Kindererziehung" auch Thüringen erreicht, wie die Politologin und Journalistin Andrea Röpke berichtet. Röpke gilt als versierte Neonazi-Kennerin, seit Jahren recherchiert sie hartnäckig die Zusammenhänge und Vorgänge in der rechtsextremen Szene und deckt deren Gefahren für die Gesellschaft auf. Eine unerschrockene Frau, die für ihre Arbeit im April mit dem Lutherpreis 2009 "Das unerschrockene Wort" auf der Wartburg ausgezeichnet wird.
Vor den Feierlichkeiten in Eisenach stehen Vorträge. Viele unter Polizeischutz. Wo die Journalistin auftaucht, sind Neonazis meist nicht weit. In Eisenach, wo Andrea Röpke auf Einladung der Linken über die HDJ berichtet, bleibt es ruhig. Was nicht damit zusammenhängt, dass Eisenach keine neonazistischen Tendenzen kennt. Die NPD versucht hier, sich kommunalpolitisch zu verankern, auch die HDJ scheint sich angesiedelt zu haben. Als erste Veranstaltung gilt eine Wanderung am Fuße der Wartburg Anfang September, ein Foto der zunächst unscheinbar wirkenden Gruppe zeigt unter anderem ein kinderwagenschiebendes Mitglied des örtlichen NPD-Kreisvorstandes und jenen Mann, dessen Eisenacher Wohnung - neben Adressen in Arnstadt oder Geraberg - bei der bundesweiten Razzia gegen die "Heimattreue Deutsche Jugend" im Oktober durchsucht worden ist. Auf Uniformen oder Abzeichen wurde bei dieser Wanderung verzichtet. Angesichts des drohenden Verbots des Vereins, erläutert Andrea Röpke, trete die HDJ zurzeit unauffällig auf.
Das war - und ist - nicht immer so. Journalistin Röpke zeigt ihren Film über "Ferien im Führerbunker", Beobachtungen vom Rande der HDJ-Zeltlager. Alle zwei bis drei Wochen, berichtet sie, tauschen HDJ-Mitglieder im Sommer das Kinderzimmer mit dem Zelt. Kinder ab sieben Jahren und Jugendliche sind hauptsächlich angesprochen, "jeder in der Szene, der etwas auf sich hält, schickt seine Kinder hin". Sie zelten auf abgelegenen Grundstücken, ungeachtet der Witterung, teils im Schnee. Morgenappell unter der schwarz-weiß-roten Flammen-Flagge, Kniebeugen, Waldlauf. Wachdienste, Speerwurf, Lagerfeuer. Volkstänze und Runenkunde. Gewaltmärsche, 150 Kilometer in drei Tagen. Mut- und Messerproben. Der MP3-Player, der hier so nicht heißen dürfte, bleibt, so überhaupt vorhanden, im Kinderzimmer. Die HDJ engagiert sich laut eigener Homepage auch "gegen die Verenglischung unserer Muttersprache".
Eher führt die Sprache in die Vergangenheit. Mädchen in ihren bodenlangen Röcken und Blusen, das Haar gern zu Zöpfen geflochten, heißen Mädel. Sie sagen nicht "Hi" oder "Hallo", sondern "Heil Dir". Und werden, wie Andrea Röpke berichtet, genauso paramilitärisch gedrillt wie die Jungen. "Wehrhaftigkeit" sei ein wichtiges Wort, auch der Frühsport dient dazu. "Das Schwache ist nicht gewollt". Toleranz ebenso wenig. Sie gelte als feige und schwach, etwas für Leute ohne richtige Überzeugung. "Wenn die Guten nicht kämpfen, siegen die Schlechten" lautete des HDJ-Motto des Jahres 2006. Die Einstellung zur Demokratie wird unter anderem in der Einladung zu einer Sonnwendfeier deutlich: Ziel sei, "unsere schlummernde Kultur wieder zum Leben zu erwecken und dieses kranke System zu beseitigen".
Als Polizisten im Sommer 2008 ein Zeltlager der HDJ bei Güstrow auflösten und durchsuchten, fanden sie verschiedene Gegenstände mit Hakenkreuzen.
Glatzköpfe in Stiefeln, grölende Skinheads, "das nimmt immer mehr ab", sagt Andrea Röpke. Jetzt kommen die Scheitelträger, die Frauen mit Zöpfen und vielen Kindern. "Keine Randexistenzen". Viele HDJ-Mitglieder studierten, seien Handwerker, Juristen, schickten ihre Kinder aufs Gymnasium. "Eine elitäre Organisation, sehr selbstbewusst, sehr autoritär". Sie lasse sich von den Behörden nicht stören, ziehe ihr Ding durch, sie "wird wohl verboten - und sicher weitermachen".
Dennoch plädiert Andrea Röpke eindeutig für ein Verbot der HDJ. Deren Vorgehen sei menschenverachtend, "man muss Grenzen setzen". Ein Verbot liefere auch eine Handhabe für Eigentümer von Veranstaltungsräumen oder Ferienheimen zum Beispiel. Auch wenn die HDJ bundesweit nur etwa 400 Mitglieder zählt, "kann sie eine gewaltige Verbreitung auslösen". Weil das Potenzial in der Bevölkerung da sei, weil die Szene es gut verstehe, Unzufriedenheit aufzugreifen. Die Kinder sind Werbeträger, sollen die Ideologie, wenn auch vorsichtig, nach außen tragen. Kinder, die mit der Verehrung von Nazi-Größen aufwachsen, in der Zerrissenheit zwischen Schul- und Lagerleben, die Dinge sagen wie: "Es gibt auch nationales Glück."
Sie wieder zu fangen, über sozialpädagogische Projekte etwa, funktioniert nach Einschätzung von Andrea Röpke höchstens im Anfangsstadium. Akzeptierende Jugendarbeit bei gefestigten HDJlern? "Wohl nicht", sagt Röpke. "Die reden nicht mehr. Die hassen".