Südthüringer Zeitung vom 08.08.2008

Musik als Einstiegsdroge
Mehr als Glatzenrock: Rechte Bands dringen in etablierte Szenen ein

Ein Musikvideo auf YouTube: Eine Band spielt vor kahlen Betonwänden – enge T-Shirts, Cargohosen, tätowierte Arme, einer der beiden Sänger trägt eine schicke Hornbrille. Die Musik: aggressiver Hardcore, ein seit Ewigkeiten fest in der linken Szene verwurzelter Stil. Aber hier spielen bekennende Nationalisten. Es gibt eine Menge solcher Beispiele. Denn rechte Musik, das ist heute weit mehr als stumpfer Rechtsrock von Glatzköpfen für Glatzköpfe. In mehreren Szenen haben sich solche Strömungen etabliert.

NSHC ist das Kürzel für die rechten Bands, die den linken Stil aufgegriffen haben: National Socialist Hard- oder Hatecore – eine noch rauere Unterströmung. Nicht nur das Styling dieser Gruppen ist anders als das „traditioneller“ Neonazi-Kapellen: „Viele Textzeilen könnten auf den ersten Blick genauso von linken Hardcore-Bands kommen“, sagt Jens Thomas, freier Dozent und Kenner der Szene. Da wird, fast immer auf Englisch, nicht etwa gegen Ausländer gesungen, sondern gegen das Kapital oder für eine gerechte Gesellschaft und Umweltschutz – was erst mal nicht nur den braunen Mob anspricht.

Ein wichtiges Schlagwort dabei: das Kämpfen. „Und wenn man ganz genau hinsieht, entdeckt man, wofür gekämpft wird: fürs Vaterland“, sagt Michael Weiss von Turn It Down, einer Netz-Plattform aus Berlin, die über rechte Musik informiert. Die NSHC-Musiker sind laut Thomas keine ehemaligen Linken: Hinter den Bands stecken Neonazis, die von der aggressiven Musik ihrer politischen Gegner begeistert waren und sie für sich vereinnahmt haben – mit scheinbar zunehmendem Erfolg.

Inzwischen gibt es zwei voneinander abgegrenzte Hardcore-Szenen, erklärt Thomas: eine linke und eine rechte. Die Musik von Letzterer steht bei den autonomen Nationalisten hoch im Kurs. Sie sorgen immer wieder bei Demonstrationen für Aufsehen – unter anderem dadurch, dass sie den linken Autonomen auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich sehen. Das beweist: Die Rechten deuten nicht nur Szenen für sich um, die sich um Musik drehen.

Als ganz normale Bands angefangen

Ein verzwickter Fall ist Black Metal. Hier gibt es viele zumeist unpolitische Fans und einen rechten Rand – mit fließenden Grenzen. Woran das unter anderem liegt, erklärt Buchautor und Szene-Experte Christian Dornbusch: Musiker, die heute eindeutig als Rechte bekannt sind, haben als ganz normale Bands angefangen und erst mit der Zeit den politischen Schwenk vollzogen. Bei vielen Fans – und eben nicht nur beim harten rechten Kern – sind sie aber nach wie vor akzeptiert.

„Manche Bands sagen auch: Wir sind unpolitisch“, erklärt Weiss. Das gilt insbesondere für Vertreter des Pagan Metal, einer mit dem Black Metal vielfach verknüpften Szene. Doch diese Gruppen würden oft ein „zutiefst völkisches Geschichtsbild“ vermitteln: Da gehe es um die verschworene Volksgemeinschaft, und die Germanen oder wahlweise die Wikinger würden als „unsere Vorfahren“ heraufbeschworen.

Weder die Hörer noch die Musiker müssen daraus den Schluss ziehen, dass vermeintlichen Feinden der Gemeinschaft – also etwa Ausländern - germanisch-wehrhaft begegnet werden muss. Aber wer will, kann diesen Schluss durchaus ziehen. „Da bleibt unter Umständen schon etwas hängen, das den Hörer empfänglicher macht, wenn plötzlich die NPD mit ihren Parolen auftaucht“, sagt Weiss.

Im Gegensatz zum Black Metal und zum Hardcore steht die Gothic- und Darkwave-Szene heute weniger im Blickpunkt von Beobachtern der rechten Szene, als das einmal der Fall war: „Da würde ich sagen, der rechte Rand ist nicht mehr so groß wie Ende der 90er“, so Dornbusch. Aber es gibt ihn immer noch, und auch hier sind die Übergänge nach Weiss' Worten fließend: „Es gibt da eindeutig ultrarechte Bands, die breit gehört und auch verteidigt werden.“

Steckt hinter den Umtrieben in eigentlich fremden Musikszenen eine Strategie der Rechten, um mehr junge Leute auf sich aufmerksam zu machen? Eher nicht, lautet Christian Dornbuschs Antwort, das habe sich von selbst entwickelt. „Und dann hat es an gewissen Punkten Brückenschläge gegeben zur organisierten Rechten und zum Rechtsrock.“

Denn klar ist: Die braunen Drahtzieher wissen, dass Musik – ganz egal welche – eine oft wirksame Einstiegsdroge ist. Nicht aus Zufall hat daher die vom NPD-Bundesvorstand herausgegebene Zeitung „Deutsche Stimme“ schon mehrfach „sehr wohlwollend“ über das Wave-Gotik-Treffen – Deutschlands wichtigstes Gothic-Festival in Leipzig – berichtet, wie Dornbusch erläutert. Und wer spielte bei einem Sommerfest der Partei 2007 in Sachsen-Anhalt: eine NSHC-Band.

Es gibt keine rechte Hip-Hop-Szene

Eines ist den Rechten dagegen nicht gelungen: im HipHop Fuß zu fassen. „Es gibt einzelne Projekte, die ultrarechts sind“, sagt Michael Weiss – aber das war es dann. „Es gibt keine rechte HipHop-Szene“, bestätigt Jens Thomas. Nach wie vor aktiv ist dagegen die Rechtsrock-Szene: Exakt 152 rechtsextremistische Bands, die Konzerte gaben oder CDs unters Volk brachten, zählte das Bundesamt für Verfassungsschutz im Jahr 2006 – neuere Zahlen gibt es nicht. Dazu kamen 20 Gruppen aus dem Ausland, die auch in der deutschen Szene eine Rolle spielten, und rund 25 Liedermacher. Das zeigt: Die Rechten haben ihr ursprüngliches musikalisches Betätigungsfeld alles andere als vergessen.