Provinz
soll Problem wahrnehmen
SPD und DGB suchen Bündnis gegen Rechts
Ilmenau - "Manchmal reicht es schon, Gesicht zu zeigen." Katja Fibinger
von Mobit, der Mobilen Beratung in Thüringen für Demokratie, gegen
Rechtsextremismus, informierte am Mittwochabend auf der gemeinsamen Diskussionsrunde
des SPD-Ortsvereins Ilmenau und des DGB-Kreisverbandes recht umfassend über
das Thema des Abends: "Kommunales Handeln gegen Rechts - wir wollen Wahlergebnisse
bei den Kommunalwahlen wie in Sachsen verhindern!"
Zur Diskussion darüber haben sich SPD-Mitglieder und Gewerkschafter im
Hotel "Tanne" getroffen und als weitere Partner neben Fibinger von
Mobit die Arnstädter Landtagsabgeordnete der Linken, Sabine Berninger,
eingeladen.
Die Gäste warteten auch gleich mit Informationen auf. Untersuchungen hätten
ergeben, dass es bei rund 20 Prozent der Thüringer rechtsextreme Einstellungen
gebe: "Und zwar quer durch die Parteien, quer durch die Gewerkschaften,
quer durch die Polizei!" Fibinger nannte weitere Fakten. Bei Fragen nach
einer "Überfremdung in Thüringen" antworteten demnach 55
bis 60 Prozent der Befragten mit Ja. Der Anteil der Ausländer in Thüringen
betrage aber nur 1,7 bis zwei Prozent. Gleichzeitig räumte die Mobit-Vertreterin
mit Vorurteilen auf. "Rechtsextremes Gedankengut ist vom Rand der Gesellschaft
in die Mitte gerückt. Und Rechtsextremismus ist auch kein alleiniges ostdeutsches
Problem und ist auch kein sogenanntes Jugendproblem." Ab einem Alter ab
45 Jahren gäbe es in Thüringen die stärksten rechtsextremistischen
Einstellungen. Anhand des Bürgerfestes gegen Rechts in Langewiesen vor
einigen Tagen konstatierte sie, dass die Aussage der linken Demonstrationsanmelder,
gegen die "Faschisierung der Provinz" antreten zu wollen, von den
Bürgern der Stadt übel genommen wurde. "Aber aktuelle Studien
zeigen ganz klar, dass die NPD in der Provinz Fuß fassen will!" Hier
forderte Fibinger die anwesenden Vertreter insbesondere von SPD und DGB auf,
das "Problem wahrnehmen, deuten und entsprechend handeln!"
Mobit-Vertreterin: Stadträtin darf nie wieder so alleinstehen
Sabine Berninger ergänzte die Informationen noch mit einigen Zahlen: So
habe die NPD in Thüringen 550 Mitglieder; im Jahr 2003 waren es noch 250,
sagte sie. "Damit hat die NPD nach eigenen Aussagen mehr Mitglieder als
die Bündnisgrünen." Die NPD habe die Zahl ihrer Kreisverbände
von sieben im Jahr 2003 auf derzeit 15 mehr als verdoppelt und sei gegenwärtig
dabei, in Sport-, Jugend- und Sozialvereinen Fuß zu fassen.
"All politics is local" zitierte DGB-Vertreter Peter Hopf eine im
englischsprachigen Raum weit verbreitete Erkenntnis und fragte nach Lösungsstrategien.
Wesentlich für SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Stefan Bieber ist dabei ein
Verbot der NPD. Nur dann hätten die Bürgermeister die Möglichkeit,
NPD-Veranstaltungen auch zu verbieten. Hier wiederum entgegnete Peter Hopf:
Selbst wenn der Krieg vorbei ist, die Krieger sind noch da. Für Eleonore
Mühlbauer, SPD-Ortsvereinsvorsitzende in Arnstadt, gehe es deshalb auch
um eine andere Kommunalpolitik, die keine Klientelpolitik sein und sich nicht
in der Verwaltung der Hoffnungslosigkeit erschöpfen dürfe.
Zwar schätzte die Mobit-Vertreterin in der Diskussionsrunde ein: "SPD
und DGB haben gute Personen, haben gute Ressourcen im Kampf gegen Rechts".
Sie konstatierte aber gleichzeitig mit Hinweis auf das kürzliche Bürgerfest
in Langewiesen: "Ich möchte eine linke Stadträtin nicht wieder
so allein gelassen sehen!"
Aus der Runde kam dazu die selbstkritische Frage: "Wo sind wir alle gewesen?"
Besonders mit Blick auf die Wahlen 2009 in Thüringen sollte deshalb versucht
werden, "breite Bündnisse von Parteien, Gewerkschaften, den städtischen
Verwaltungen und mit der Polizei hinzubekommen", forderte Ulrich Hannemann
vom DGB. "Und wenn wir das gemeinsam wollen, dann tun wir es einfach."