AP vom 08.04.2008
Pfarrer wirft Ostdeutschen Fremdenfeindlichkeit vor
Rudolstadt
(AP) Die Flucht der Pfarrersfamilie Neuschäfer aus dem thüringischen
Rudolstadt hat bundesweit Bestürzung ausgelöst. Ehefrau Miriam, die
eine indische Mutter hat, und ihre fünf Kinder waren nach eigener Aussage
wegen ihrer Hautfarbe anhaltenden Diskriminierungen ausgesetzt. Man habe sie bespuckt
und beschimpft, ihr neunjähriger Junge sei verprügelt worden, berichtete
sie. Die Stadt wehrt sich jetzt nach Kräften gegen den Vorwurf, fremdenfeindlich
zu sein und bemüht sich um Schadensbegrenzung.
Am Dienstag gab es ein
Gespräch der Kirchenleitung mit Neuschäfer. Zum Abschluss wurde erklärt,
dass die Landeskirche die Vorfälle, die den Pfarrer und seine Familie belasteten,
aufklären wolle. Er sei gebeten worden, alle Ereignisse chronologisch aufzulisten,
sagte Pressesprecher Ralf-Uwe Beck.
Die Familie des Schulbeauftragten für
die evangelische Kirche in Südthüringen, Reiner Andreas Neuschäfer,
war im Jahr 2000 aus dem Rheinland in die einstige Residenzstadt gezogen. Sieben
Jahre später verließ sie Thüringen entnervt und enttäuscht.
Seit Herbst vergangenen Jahres wohnen sie in Nordrhein-Westfalen. Der 40-jährige
Vater, der eine weiße Hautfarbe hat, pendelt seitdem zwischen Erkelenz und
seiner Arbeitsstelle in Rudolstadt.
Latente Angst vor dem anderen
"Mein
Eindruck ist, dass es in Ostdeutschland auch eine andere Qualität der Fremdenfeindlichkeit
gibt, die nichts mit Rechtsradikalismus zu tun hat", erklärt Neuschäfer
im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Auch anderswo in Thüringen
habe er diese latente Angst vor dem anderen erlebt: "Menschen, die nicht
damit umgehen können, dass andere Menschen anders aussehen, anders leben
und sich anders verhalten."
Den Hauptgrund dafür sieht der Pfarrer
in der jahrzehntelangen Abschottung der Menschen in der DDR, die dazu geführt
habe, das Fremde nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung zu sehen. Er habe
übrigens nie gesagt, dass dieses Problem auf Rudolstadt begrenzt sei.
Sohn
als "Ausländerschwein" beschimpft
"Ich habe mir das doch
nicht ausgedacht", beteuert Miriam Neuschäfer auf telefonische Anfrage
in Erkelenz. "Ich bin mit dem Kinderwagen spazieren gegangen, da bin ich
angespuckt worden." Sätze wie "So was hätte man früher
zwangssterilisiert" habe man ihr an den Kopf geworfen.
Ihr neunjähriger
Sohn Jannik Jonas sei auf dem Schulhof als "Ausländerschwein" und
"Nigger" beschimpft und verprügelt worden. Neun Kinder seien auf
ihn aus diesem Grund losgegangen, das habe sie damals auch angezeigt. Jetzt werde
so getan, als habe er die anderen Kinder provoziert, beklagt sich die 32-Jährige.
"Wir haben lange versucht, uns einzuleben und einzubringen, aber es ging
wirklich nicht mehr."
"Wir sind kein Einzelfall"
"Meine
Frau und meine Kinder haben das erlebt, und das ist nicht von der Hand zu weisen",
betont Neuschäfer. "Warum macht man die Menschen, die ein Problem ansprechen,
zum Problem?" Man könne gerne Fragen stellen, aber nicht das Erlebte
in Frage stellen - ähnlich wie bei Vergewaltigungsopfern, denen man vorwerfe,
sie hätten vielleicht auch etwas dazu beigetragen.
Sie seien kein Einzelfall
und führten auch keinen Rachefeldzug gegen Rudolstadt. Wenn sie das woanders
erlebt hätten, dann hätten sie es genauso gesagt. Übrigens seien
sie nicht von sich aus in die Öffentlichkeit gegangen. "Wir sind keineswegs
verbittert. Wir sind nur traurig und enttäuscht, weil man jetzt versucht,
uns den Schwarzen Peter zuzuschieben."
"Rudolstadt ist fremdenfreundlich"
Am
Rathaus von Rudolstadt hängt ein Transparent, auf dem in unübersehbar
großen Lettern geschrieben steht: "Rudolstadt ist fremdenfreundlich".
"Ich
bin sehr betroffen von den Vorwürfen, die ich erst jetzt aus den Medien erfahren
habe", sagt Bürgermeister Jörg Reichl im AP-Gespräch. Dass
es in der Stadt am Fuß der Heidecksburg noch Menschen gebe, die rassistisches
Gedankengut in sich trügen, erfülle ihn mit Wut. "Ich bin mir aber
sicher, dass die absolute Mehrheit der Rudolstädter fremdenfreundlich ist
und dass es bei uns nicht mehr Ausländerfeindlichkeit gibt als im bundesweiten
Durchschnitt."
Verwundert sei er vor allem darüber, dass Herr Neuschäfer
über die Vorfälle, von denen der letzte schon über ein Jahr zurückliege,
weder mit ihm noch mit den Stadträten oder mit seinen Kollegen aus der evangelischen
Kirche gesprochen habe.
"Probleme betreffen ganz Deutschland"
Wenn
Diskriminierungen nicht konkret und zeitnah benannt würden, sondern erst
über die Medien allgemein weitergegeben würden, sei die Wahrheitssuche
sehr schwer. Die Rudolstädter hätten es aber nicht verdient, dass man
ihnen ein ausländerfeindliche Image anheften möchte, betont Reichl.
Der
Pressesprecher der Stadt, Frank Michael Wagner, bedauert, dass durch die Ereignisse
alte und neue Vorurteile in Bezug auf den Osten bedient würden. "Welchen
nachwirkenden Glaubwürdigkeitsverlust erleidet eine Kleinstadt, die seit
der Wende ungeheuer viel Kraft aufgewendet hat, um sich einen weltoffenen und
fremdenfreundlichen Ruf aufzubauen?" fragt Wagner.
"Pfarrer Neuschäfer
hat auf Probleme aufmerksam gemacht, die ganz Deutschland betreffen, nicht nur
den Osten", betont Superintendent Peter Taeger. Diese Herausforderungen müssten
von der Mitte der Gesellschaft angenommen werden. In Rudolstadt werde ein Runder
Tisch eingerichtet, an dem alle mitarbeiten könnten, die stabilisierend und
integrierend wirken möchten.