AP vom 02.04.2008
Bestürzung über Fremdenfeindlichkeit in Thüringen
Erfurt/Halle (AP) Wegen rassistischen Anfeindungen ist eine Pfarrersfamilie aus dem thüringischen Rudolstadt nach Nordrhein-Westfalen geflüchtet. Nach einem Bericht der in Halle erscheinenden «Mitteldeutsche Zeitung» vom Mittwoch verließ die Familie des Schulbeauftragten für die evangelische Kirche in Südthüringen, Reiner Andreas Neuschäfer, Thüringen nach sieben Jahren und wohnt bereits seit September 2007 in Erkelenz. Der Vorfall löste große Bestürzung aus.
Neuschäfers Ehefrau Miriam, die eine indische Mutter hat, wie auch ihre fünf Kinder sahen sich nach eigener Darstellung anhaltender Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt. Ein Kind sei als «Nigger» beschimpft, ein anderes in der Schule verprügelt worden. Frau Neuschäfer erklärte der Zeitung, die Leute hätten ihr ins Gesicht gesagt: «So was hat man früher zwangssterilisiert!» Die Familie war 2000 aus dem Rheinland nach Thüringen gezogen.
Grüne: Erschreckende Fremdenfeindlichkeit
Die Landessprecherin der thüringischen Bündnisgrünen, Astrid Rothe-Beinlich, sagte: «Die Geschichte der Familie ist bedrückend und macht zugleich deutlich, was lieber verschwiegen wird: Die Fremdenfeindlichkeit in Thüringen muss erschrecken und ist leider nahezu allgegenwärtig.» Es sei eigentlich bekannt, dass Fremdenfeindlichkeit in Thüringen weit verbreitet sei. Nach dem jüngsten «Thüringen-Monitor 2007» seien 48 Prozent der Befragten der Meinung, Ausländer kämen, um den Sozialstaat auszunutzen, 52 Prozent meinten gar, die Bundesrepublik würde durch Ausländer überfremdet. Dies mache deutlich, «dass in einem Land wie Thüringen mit einem nahezu verschwindend geringen Anteil ausländischer Mitbürger eine regelrecht offene Ausländerfeindlichkeit an der Tagesordnung ist», sagte Rothe-Beinlich.
Ramelow warnt vor unterschwelligem Rassismus
Das Bundesvorstandsmitglied der Linkspartei, Bodo Ramelow, sagte auf Anfrage der Nachrichtenagentur AP, seine Frau sei Italienerin, ihm seien die Ängste von Ausländern vertraut. «In der Region Saalfeld Rudolstadt gibt es verfestigte neonazistische Strukturen und ausgehend davon wiederum eine bestimmte Form von alltäglichem Weggucken», betonte Ramelow. Er kenne den Fall nicht, doch seine Fantasie reiche aus, um sich vorzustellen, was so eine Familie durchmache. Offenkundig werde so etwas immer erst dann bemerkt, wenn etwas passiert sei.
«Man geht von über 20 Prozent von Gewerkschaftsmitgliedern aus, die anfällig sind für rechtsradikales, antisemitisches oder rassistisches Gedankengut. Ich rede dabei nicht von offenem, sondern von einem unterschwelligen Rassismus», sagte Ramelow. Es gebe eine gewisse Form von Alltagsrassismus, bei der das Fremde nicht als kulturelle Bereicherung, sondern als Bedrohung gesehen werde. Er bedaure den Fall der Familie sehr, sagte Ramelow. Daneben dürfe aber nicht vergessen werden, dass es auch viele schöne Gegenbeispiele in Thüringen gebe.
Kirche bestätigt ausländerfeindlichen Hintergrund
Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland bestätigte auf Anfrage, dass die Familie Neuschäfer in Rudolstadt «Schwierigkeiten auch mit ausländerfeindlichem Hintergrund» hatte. Von Seiten der Kirchenleitung habe es ernsthafte Versuche gegeben, der Familie zu helfen. Pfarrer Neuschäfer sei eine Pfarrstelle in Südthüringen an der innerdeutschen Grenze zu Hessen angeboten worden. Dieses Angebot habe er jedoch ausgeschlagen. «Der Ansicht, der Westen sei pauschal ostfeindlich und der Osten sei pauschal ausländerfeindlich, wird widersprochen», hieß es weiter in der Stellungnahme der Landeskirche aus Eisenach.