Thüringische Landeszeitung vom 18.07.2007

Parallelen in der Stadtgeschichte

Erfurt. (tlz) Gefährliche Parallelen zwischen der Machtergreifung der Nationalsozialisten und den Aktivitäten der NPD heute sieht Dr. Steffen Raßloff, Erfurter Historiker und Publizist. Zwar konstatiere der Thüringen-Monitor 2006 einen Rückgang rechtsextremer Einstellungen in der Bevölkerung, doch die gewandelte Strategie hin zu einem seriösen Erscheinungsbild sei Grund genug, auf wachsende Gefahren hinzuweisen, die von der "Neuen Rechten" ausgehen. Dies will Raßloff zur wissenschaftlichen Tagung "Politischer Extremismus in aktueller und zeitgeschichtlicher Perspektive" am Freitag, 20. Juli, im Landtag klarstellen.

Er erinnert dabei an Adolf Schmalix, Führer der Großdeutschen Freiheitsbewegung, der im November 1929 Sieger der Kommunalwahlen in Erfurt wird. Der mehrfach vorbestrafte Demagoge zog mit neun seiner Kampfgefährten als stärkste Fraktion in die 52-köpfige Stadtverordnetenversammlung ein. "Der Aufstieg des Nationalsozialismus nahm also in Erfurt einen skurrilen Umweg, der die politische Orientierungslosigkeit besonders des bürgerlichen Mittelstandes schlaglichtartig offenbarte", so Raßloff. Mit der "Bürgerstimme" (in einer Auflage von 20000 Stück) gibt es heute wieder eine rechtsextrem ausgerichtete Monatsschrift in Erfurt. Dabei knüpfe das Blatt an finstere Traditionen an und verweise frappierend auf Schmalix´ Presseerzeugnis aus den 20er Jahren, dessen zentrales Element die Konfrontation mit den etablierten Parteien und Persönlichkeiten Erfurts war. "Rasch scheint unter der Fassade kritischer Gesellschaftsanalyse das Weltbild des Rechtsextremismus durch", so der Historiker. "Auf keinen Fall darf man die Leser jener ungefragt verteilten Zeitschrift mit der Lektüre allein lassen, wie dies leider größtenteils geschieht. Die Taktik des Ignorierens ist jedenfalls im Fall Schmalix völlig gescheitert, wie sein spektakulärer Wahlerfolg von 1929 zeigt", so Raßloff.

Vereine wie der Bismarckturmverein und der Bund der Vertriebenen würden unterwandert (die TLZ berichtete). Gleiches sei mit dem Erfurter Geschichtsverein versucht worden, was aber 2005 mit Abwahl und Austritt einiger Vorstands- und Vereinsmitglieder geendet habe. Noch 2005 gründete sich ein neuer "Verein für Geschichte und Heimatkunde von Erfurt". An der Spitze: Dr. Rudolf Benl, 2005 abgewählter Schriftleiter des Geschichtsvereins und Amtsleiter des Stadtarchivs. "Jenem Amtsleiter muss man wohl spätestens seit dem Beitrag ´Wo liegt Ostdeutschland?´ in der NPD-nahen Zeitschrift ´Nation und Europa´ im Jahr 2001 dem rechten Spektrum zuordnen", so Raßloff. Der Verfassungsschutz schreibt jener 1951 vom ehemaligen SS-Sturmbannführer Arthur Ehrhardt gegründeten Monatszeitschrift jedenfalls großen Einfluss im rechtsextremistischen Lager zu. Auch die Thüringer NSDAP habe nur im Schatten grassierender Demokratiemüdigkeit so kometenhaft aufsteigen können. Eine entschiedene Abwehrfront aller demokratischen Kräfte sei gefragt - "war es doch seinerzeit nicht zuletzt die starke Links-Rechts-Fragmentierung, die der NSDAP den Aufstieg erleichterte".

Übereinstimmung im Stadtrat: Gestern sprachen sich alle vier Fraktionen dafür aus, vereint die Demokratie und Menschenrechte verteidigen zu wollen gegen die neuen Rechtsextremen - für Intoleranz, Antidemokraten und Gewalt werde Erfurt auch künftig kein Platz sein.