Thüringer Allgemeine vom 09.08.2007

Verdacht: sexuelle Nötigung

Sie helfen Arbeitslosen bei Hartz-IV-Anträgen und treten als brave Bürger auf - rechtsextreme Kader mimen den Anwalt des "kleinen Mannes". Doch immer wieder fliegt ihre Tarnung auf.

ERFURT. Früher sahen Nazis aus wie Nazis: Stiefel, Glatzen, Bomberjacken. Nazi-Skins gibt es immer noch. Doch oft sind die Rechtsextremisten für Außenstehende nicht mehr als solche zu erkennen. "Mimikry-Taktik" nennen Verfassungsschützer das. Hinter den Wahlständen der NPD stehen deshalb längst nicht mehr Männer in Springerstiefeln, sondern Herren mit akkurater Bügelfalte, die erklären, ihre Partei habe doch wirklich gar nichts mit brutalen Schlägern zu tun.

Doch die Kleidung sagt nichts über das aus, was in den Köpfen passiert. "Selbst wenn das Outfit oft nicht mehr so martialisch ist", betont Stefan Heerdegen vom mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus - kurz Mobit -, "das Denken ist trotzdem rassistisch."

Nur weil Rechtsradikale "lackiert" daherkämen, sind sie doch nicht weniger ideologisiert oder gewaltbereit.

Tatsächlich haben viele der Herren mit Bügelfalte alles andere als ein Saubermann-Image. So ermittelt die Staatsanwaltschaft im Saale-Orla-Kreis gerade gegen den ehemaligen NPD-Chef. Verdacht: sexuelle Nötigung. Christian D. soll eine junge Frau in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni massiv belästigt haben. Der 30-Jährige streitet alles ab.

Bei anderen Thüringer NPD-Kadern ist das Vorstrafenregister lang: Das Vorstandsmitglied Thorsten Heise ist unter anderem wegen schwerer Körperverletzung, Nötigung und Landfriedensbruch vorbestraft. Erst im Juli kamen wegen Volksverhetzung sechs Monate auf Bewährung dazu.

Der zum Landesgeschäftsführer aufgestiegene Patrick Wischke bekam wegen Anstiftung zu einem Brandanschlag auf einen Döner-Laden in Eisenach fast drei Jahre Gefängnis.

Die Ostthüringer NPD-Funktionäre Gordon Richter und Ralf Wohlleben standen wegen gemeinschaftlicher übler Nachrede in Gera vor dem Amtsgericht und bekamen Geldstrafen.

Der NPD-Landeschef Frank Schwerdt ist wegen Volksverhetzung verurteilt. Zuletzt wurde er vom Amtsgericht Pößneck wegen eines nicht genehmigten Konzerts mit 3500 Euro bestraft. "Vorstrafen führen nicht immer zwangsläufig dazu, dass man in der NPD keine Ämter ausüben darf", sagt Schwerdt.

Der Thüringer Mobit-Berater Stefan Heerdegen spricht von einer Doppelstrategie: Als Biedermänner umwerben sie potenzielle Wähler - als Brandstifter schüchtern sie ihre Gegner ein.