Ostthüringer Zeitung vom 20.06.2007
Angriffe auf Geschäfte ausländischer Inhaber
Pößneck (OTZ/mko). "Was muss noch passieren?", fragt Ali Ünal, Chef in der Pizzeria Aladin in Pößneck, immer wieder. Seit über sechs Jahren ist er Gewerbetreibender in der Stadt und neben seinem Imbiss in der Neustädter Straße hat er auch ein Haus gekauft. "Ich mache meine Arbeit und zahle meine Steuern", sagt der Deutschtürke, um dann einmal mehr über die Kratzer an den Scheiben seines Imbisses in der Neustädter Straße zu wischen, als wolle er die Zeit zurückdrehen. Auf der äußeren Oberfläche des Sicherheitsglases ist mit der Zeit eine traurige Sammlung von Spuren diverser Schläge gegen die Scheiben entstanden, die in der Nacht zum 15. Juni größer geworden sei.
Um 3 Uhr in der Früh habe ihn ein "grauenhafter Knall" aus dem Schlaf gerissen, berichtet Ünal, und man merkt es ihm an, dass er den Stress jener Nacht noch einmal durchlebt. Insgesamt zwei Schläge habe er gehört und dann "zwei Typen mit Baseballschlägern" auf der Straße gesehen, die zum Dilan-Imbiss gegangen seien. Dort hätten die beiden nur geschaut, vielleicht weil ihnen die Videoüberwachung aufgefallen sei, mit der sich dieser türkische Imbiss schützt. Schließlich hätten die Scheiben des vietnamesischen Gemüseladens Ecke Breite Straße/Entenplan geklirrt. Er habe sofort die Polizei verständigt, sagt Ünal, und er glaubt, dass die Vietnamesen schadlos geblieben wären, wenn die Beamten sofort reagiert hätten. Stattdessen habe ihn die Polizei später in der Nacht zurückgerufen und ihm Fragen gestellt, die Ünal als "dumme Fragen" empfindet.
Die Polizei habe "sofort gehandelt", erwiderte gestern der Erste Polizeihauptkommissar Siegfried Bloß, Leiter der Polizeistation Pößneck, leider ergebnislos, wie er bedauerte. Über den Vorfall spricht die Behörde erst auf die OTZ-Anfrage. Es werde ermittelt, sagte Bloß, wegen Sachbeschädigung an dem vietnamesischen Laden, durch dessen Scheiben ein Papierkorb und ein Poller geschleudert wurden. Eine fremdenfeindliche Tat sei derzeit nicht zu erkennen, bittet Bloß um Verständnis. Den Tätern wolle man mit "kriminaltechnischer Arbeit" auf die Spur kommen. Im Zuge der Ermittlungen werde man Ünal "sicherlich als Zeuge" vorladen.
Ünal hat schon mal bei der Polizei als Zeuge ausgesagt, "drei Stunden lang". Das sei im vergangenen Jahr gewesen, nachdem er in einer Pößnecker Gaststätte, die er mit einem Freund aufgesucht hatte, in aller Öffentlichkeit von einem Deutschen einfach so geohrfeigt worden sei. "Danach ist nichts passiert, nichts", so Ünal verbittert.
"Es gibt gute Menschen in Pößneck", sagt Ünal trotzdem, der mit dem Kauf eines Hauses in der Stadt heimisch werden wollte. "Vielleicht war das ein Fehler", sagt er, entsetzt darüber, dass Typen mit Baseballschlägern unbehelligt durch die Stadt laufen. "Die kommen und schlagen einfach so gegen meine Scheiben", kann es Ünal nicht fassen.
Ünal ist überzeugt, dass nicht nur er in der Nacht zum 15. Juni aus dem Schlaf gerissen wurde. Das schließt auch die Polizei nicht aus. So holte Bloß im OTZ-Gespräch auf Nachfrage nach, was die Polizei z. B. bei abgebrochenen Außenspiegeln automatisch tut: Sie bittet eventuelle Zeugen um Hinweise zur Tat.Ich mache meine Bürgerpflicht und die Polizei stellt mir dumme Fragen.