Freies Wort vom 19.11.2007

Auch Gedenken kennt Grenzen
Demokratische Kräfte wiesen Neonazis in die Schranken / Die Polizei war vor Ort

Hildburghausen - Wie heißt es so schön: "Einigkeit macht stark". Doch von dieser Einigkeit war am Volkstrauertag in der Kreisstadt nichts zu spüren. Die Junge Union Hildburghausen-Henneberg, die Stadt selbst und das Bündnis gegen Rechtsextremismus hatten zu Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen eingeladen. Doch jeder für sich. Ob sich so in Verbindung an das Gedenken der Opfer der Weltkriege ein Zeichen gegen Rechtsextremismus setzen lässt? Genau das sollte es aber sein. Nicht so beim Bund der Vertriebenen, der am Sonntag, 14 Uhr, auf den Zentralfriedhof eingeladen hatte. Winfried Kothe, Vorsitzender des BdV-Kreisverbandes, der sich selbst als "frei von jeglicher Ideologie" bezeichnete, wurde eskortiert von jugendlichen Neonazis - ja, es waren fast noch Kinder die sich da um den NPD-Kreisvorsitzenden Tommy Frenck geschart hatten -, die Flaggen hielten. Keine verbotenen - Flaggen der einzelnen Landsmannschaften der Vertriebenen waren zu erkennen, aber auch Fahnen des

Nationalen Widerstands und eine mit der schwarzen Sonne im Zentrum. Deutliche Zeichen. Noch deutlichere durften sie nicht öffentlich präsentieren. Solche etwa, die "Heldengedenken" anmahnen. Sind das tatsächlich Zeichen des Gedenkens im Sinne des Volkstrauertags? Winfried Kothe beharrte darauf. "Wir gedenken der Millionen Soldaten und Zivilisten die in den beiden Weltkriegen getötet wurden, der 15 Millionen Heimatvertriebenen, der Stalinopfer, der Opfer des Luftangriffs auf Hildburghausen am 23. Februar 1945, der Opfer der sowjetischen Besatzungszone und der DDR . . ."
Auch Jugendliche der linken Szene hatten sich auf dem Zentralfriedhof der Kreisstadt eingefunden. Sie unterbrachen Winfried Kothe immer wieder, zeigten ihre Empörung lautstark. Die Polizei beobachtete das Geschehen - eingreifen mussten die Beamten nicht.
Schleusingen - Auf eine gemeinsame Veranstaltung, ein stilles Gedenken, am Denkmal für die Opfer von Krieg, Vertreibung und Gewaltherrschaften am Schmuckplatz hatten sich die Kirchen, der Bund der Vertriebenen und die Stadt am Volkstrauertag verständigt. Alle Teilnehmer darum gebeten, auf Fahnen und Symbole zu verzichten. Und das war eine kluge Entscheidung, die alle Versuche, den Volkstrauertag für revanchistische und rechtsradikale Absichten zu missbrauchen, letzten Endes vereitelten.

Zwar hatten das gestern auch Neonazis erneut versucht. Als die Repräsentanten der Kirchen, Vertreter von Parteien, der Stadt und des Landkreises, des Bundes der Vertriebenen am Denkmal eintrafen, wurden sie von einer Gruppe junger Rechtsextremisten, darunter der NPD-Kreisvorsitzende Tommy Frenck, mit Fahnen und Plakaten empfangen. Erst nach mehrmaligen energischen Forderungen der Veranstalter rollten sie ihre Flaggen ein und drehten ihre Plakate um. Das offenbar beabsichtigte Heldengedenken wurde von den demokratischen Kräften vereitelt. Und vielleicht haben die eindringlichen Worte von Pfarrerin Dorothea Söllig und Schleusingens Bürgermeister Klaus Brodführer die Gebete und Fürbitten bei einigen der sehr jungen Leute zumindest Zweifel ausgelöst, ob die ihnen eingeimpfte Ideologie die Richtige ist. Friedlich ging die Veranstaltung der Stadt zu Ende, in der das demokratische Schleusingen sich klar dazu bekannte, dass es Verantwortung übernimmt für ein Leben in Frieden und Freiheit, ohne Gewalt und jegliche Form von Menschenverachtung. Und, dass es Neonazis in die Schranken weist.