Flagge
gegen Rechts gezeigt
Vachaer und Philippsthaler demonstrierten: "Nazis raus"
Vacha/Erfurt -
Flagge gegen Rechts zeigten gestern Abend die vielen Bürger, die auf die
Brücke der Einheit nach Vacha im Wartburgkreis gekommen waren. Auf jenes
geschichts-trächtige Bauwerk über die Werra, das einst Ost und West,
das thüringische Vacha und das hessische Philippsthal voneinander trennte.
Als sich die innerdeutsche Grenze vor 18 Jahren öffnete, lagen sich Vachaer
und Philippsthaler auf dieser Brücke in den Armen. Seither treffen sie
sich gemeinsam mit den Dorndorfern am 9. November, um sich des historischen
Datums zu erinnern.
Nur diesmal hatten sie ungebetene Zaungäste - welche mit rechtem Gedankengut
in den Köpfen. Genau gegenüber, auf einem ehemaligen Betriebsgelände,
versammelten sich Neonazis aus dem Wartburgkreis und aus Hessen. Aufgerufen
hatte dazu die NPD Wartburgkreis. Gegen ihre Geräuschkulisse spielte das
Kaliblasorchester auf der Werrabrücke an.
Unter jenen auf der Brücke, waren auch die etwa 200 Gewerkschafter, Linken,
Christen und Bürger, die sich zuvor mitten in Philippsthal zusammengefunden
hatten, um klare Worte zu sprechen: Nazis raus! "Wir wollen kein Nazi-Gegröle
auf unseren Straßen", rief Michael Rudolf vom DGB Nordhessen den
Versammelten zu. Es sei unerträglich, dass Nazis am 9. November, jenem
Tag, an dem 1938 in Deutschland jüdische Synagogen brannten, wieder marschieren
dürften.
Starkes Polizeiaufgebot
Verstärkung erhielten die hessischen Gewerkschafter aus Thüringen.
Mitglieder des DGB Eisenach waren mit dem Bus angereist. "Weder in Hessen,
noch in Thüringen dürfen Nazis eine Chance bekommen", sagte Klaus
Schüller vom DGB Thüringen. "Sie haben ihre Strategie heute geändert,
greifen soziale Themen auf, schleichen sich in Verbände und Vereine ein,
kommen nicht mehr mit Glatzen und Springerstiefeln daher, sondern wie Menschen
wie du und ich. Doch ihr Gedankengut ist rassistisch."
Und die etwa 50 NPD-Aktivisten und ihre Anhänger, die sich wenig später
im benachbarten Vacha auf dem Markt postiert hatten, waren rein äußerlich
"Menschen wie du und ich", trugen normale Straßenkleidung, Turnschuhe.
"Weg mit der Mauer in den Köpfen - wir sind ein Volk" hatten
sie ihren Aufmarsch überschrieben. Ein starkes Polizeiaufgebot trennte
sie von einem Häuflein der Antifa-Jugend, das aus Meiningen mit Transparenten
angereist war.
Die erleuchteten Fenster der Häuser rundum allerdings blieben geschlossen,
auch sonst verirrte sich kaum ein Vachaer auf den Markt. Gespenstisch mutete
schließlich auch der Zug der Rechten mit brennenden Fackeln in den Händen
durch die Stadt an. Flankiert wurde er von Polizisten.
"Wir wollen die NPD nicht in Vacha. Die Partei müsste verboten werden,"
sagte eine ältere Dame, die mit ihrem Mann zur Werrabrücke gekommen
war. "Wir mahnen mit unserem traditionellen Treffen auf der Brücke
und wir zeigen den Rechten damit zugleich, wir weichen keinen Schritt zurück",
sagte Dorndorfs Bürgermeister Ingo Jendrusiak (parteilos). "Wir leben
hier Demokratie vor."
"Die Neonazis und Antisemiten haben ihren Anhang nicht wegen der Stärke
ihrer Argumente, sondern wegen der Schwäche der Demokratie." Die Demokratie
wehre sich nicht genug und geschlossen genug gegen antisemitische und rassistische
Tendenzen in ihrer Mitte, sagte der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde
in Thüringen, Wolfgang Nossen, indessen in Erfurt bei einer Gedenkveranstaltung
zur Pogromnacht am 9. November 1938.
"Das Problem ist doch nicht der besoffene Pöbel einer deutschen Dutzendkleinstadt,
sind nicht einige grenzdebile Glatzköpfe, die mal Hitler spielen",
sagte Nossen. Vielmehr sei in der Mitte der Gesellschaft ein zu geringes Bewusstsein
für die Probleme vorhanden. Besonders sieht Nossen ein Problem darin, dass
Medien und Gesellschaft sich den "Takt und Erregungsanlässe durch
die Feinde der Demokratie vorgeben" ließen. Dadurch würden die
"Gutwilligen und Couragierten" immer nur hinterherlaufen.